Haben Vögel Dialekte?

Haben Vögel Dialekte? Ja. Singvögel lernen ihren Gesang von Nachbarn, so entstehen regionale Dialekte, die sich ausbreiten und wandeln, ähnlich wie bei uns.

Eine singende Weißkehlammer auf einem Fichtenzweig in einem nördlichen Nadelwald in der Morgendämmerung (KI-Illustration)
KI-generierte Illustration, kein Foto
In diesem Artikel
  1. Kurz beantwortet: Vogeldialekte auf einen Blick
  2. Warum haben Vögel Dialekte?
  3. Welche Vogeldialekte sind am bekanntesten?
  4. Wie erforschen Wissenschaftler Vogeldialekte?
  5. Wie schnell können sich Vogeldialekte verändern?
  6. Wozu braucht ein Vogel einen Dialekt?
  7. Singen Stadtvögel mit anderem Akzent?
  8. Mythen und Fakten zu Vogeldialekten
  9. Was bedeutet das für Vogelfreunde im Garten und auf Reisen?
  10. Kurze Fakten
  11. Quellen
  12. Häufige Fragen

Ja, viele Vögel haben Dialekte. Singvögel und Papageien lernen ihre Gesänge und Rufe von den Vögeln um sie herum, und kleine Kopierfehler summieren sich über Generationen zu regionalen Varianten. Peter Marler und Miwako Tamura belegten das schon 1964 in Science an Dachsammern rund um die Bucht von San Francisco. Ein Buchfink im Schwarzwald kann sein Lied anders beenden als einer an der Ostsee, und eine Goldammer in Neuseeland singt womöglich eine Variante, die in Teilen Großbritanniens kaum noch zu hören ist.

Vogeldialekte sind eines der deutlichsten Beispiele für Kultur bei Tieren: Wissen, das durch Lernen und nicht über die Gene weitergegeben wird. Dieser Ratgeber erklärt, wie Dialekte entstehen, welche Beispiele weltweit am besten erforscht sind, wie sich Gesänge über einen ganzen Kontinent ausbreiten können, warum Dialekte für Vögel wichtig sein könnten und was das für Sie bedeutet, wenn Sie im Garten oder auf Reisen genau hinhören.

Kurz beantwortet: Vogeldialekte auf einen Blick

  • Echte Dialekte haben nur Stimmlerner. Dazu gehören Singvögel, Papageien und Kolibris. Vögel mit angeborenen Rufen variieren von Ort zu Ort viel weniger.
  • Dialekte entstehen durch Nachahmung. Junge Vögel lernen von erwachsenen Vögeln in ihrer Nähe und machen dabei gelegentlich Fehler oder Neuerungen, die Nachbarn dann übernehmen.
  • Grenzen können scharf oder fließend sein. Manche Arten haben klar abgegrenzte Dialektgebiete, bei anderen ändert sich der Gesang langsam über das Verbreitungsgebiet.
  • Dialekte wandeln sich. Gesänge können sich innerhalb von Jahrzehnten verändern, und neue Varianten können sich schnell über riesige Gebiete ausbreiten.
  • Sie scheinen den Vögeln wichtig zu sein. Revierbesitzende Männchen reagieren oft stärker auf den örtlichen Gesang, und bei manchen Arten scheinen Weibchen ihn zu bevorzugen.

Warum haben Vögel Dialekte?

Die Antwort beginnt damit, wie Vögel singen lernen. Junge Singvögel prägen sich in einer sensiblen Phase die Gesänge der erwachsenen Vögel in ihrer Nähe ein und üben dann so lange, bis ihr eigener Gesang zu dieser Erinnerung passt. Den ganzen Ablauf beschreiben wir im Beitrag wie Vögel ihren Gesang lernen.

Lernen ist kein perfektes Kopieren. Drei Dinge erzeugen lokale Unterschiede:

  1. Kopierfehler. Ein junger Vogel lässt eine Note weg, fügt eine hinzu oder verändert leicht die Tonhöhe. Übernehmen Nachbarn die veränderte Version, wird sie Teil des örtlichen Gesangs.
  2. Neuerungen. Gelegentlich erfindet ein Vogel ein neues Element. Die meisten Neuerungen verschwinden wieder, manche setzen sich aber durch.
  3. Geringe Wanderbewegungen. Bei vielen Arten lassen sich junge Vögel nicht weit von dem Ort nieder, an dem sie singen gelernt haben, oder sie lernen nach der Ansiedlung von ihren Nachbarn. So bleiben lokale Varianten lokal.

Über Generationen summieren sich diese kleinen Änderungen. Das ähnelt der Entstehung menschlicher Dialekte und Mundarten, mit einem wichtigen Unterschied: Bei Vögeln geht es um den Aufbau des Gesangs, nicht um Bedeutung.

Dialekt oder Akzent?

In der Forschung werden meist diese Begriffe verwendet:

BegriffBedeutungBeispiel
DialektGemeinsame lokale Gesangsvariante mit relativ scharfer GrenzeDialektgebiete der Dachsammer rund um die Bucht von San Francisco, Dialekte der Goldammer in Europa
Geografische VariationAllmähliche Veränderung von Gesangsmerkmalen über ein großes GebietViele weit verbreitete Singvögel verändern ihren Gesang langsam von Ost nach West
Kleinräumige VariationUnterschiede zwischen Nachbarschaften oder kleinen FlächenBenachbarte Gruppen von Indigofinken, die Gesangstypen teilen
Geteilte GesangstypenNachbarn singen dieselben StrophenSingammern teilen oft mehrere Gesangstypen mit benachbarten Männchen

Im Alltag nennt man all das einfach „Dialekt“ oder „Akzent“, und das ist eine faire Annäherung.

Welche Vogeldialekte sind am bekanntesten?

Buchfink und Goldammer in Europa

Der Buchfink war einer der ersten Vögel, deren Gesangslernen wissenschaftlich untersucht wurde, und er zeigt in ganz Europa regionale Unterschiede, besonders beim Schnörkel am Ende jeder Strophe, dem sogenannten Überschlag. Auch sein Regenruf, ein kurzer Ruf, der im Volksmund angeblich Regen ankündigt, klingt je nach Gegend verschieden. Aufmerksame Beobachter in Deutschland, Österreich und der Schweiz bemerken solche Unterschiede oft schon beim Wechsel zwischen zwei Tälern. Buchfinken wurden im 19. Jahrhundert in Neuseeland eingeführt, und Studien dort haben den Gesang der neuen und der alten Populationen verglichen.

Die Goldammer, deren Lied bei uns gern als „Wie, wie, wie hab ich dich lieb“ wiedergegeben wird, hat gut abgegrenzte Dialekte, die sich vor allem im Schlussteil der Strophe unterscheiden. Auch die Goldammer wurde im 19. Jahrhundert in Neuseeland eingeführt. Ein Forschungsprojekt um Pavel Pipek und Kollegen, das mit Freiwilligen in Tschechien und Neuseeland arbeitete, berichtete, dass neuseeländische Goldammern Dialekte singen, die zu denen in Großbritannien passen, darunter einige, die in Großbritannien selbst heute selten sind oder nicht mehr nachgewiesen wurden. Die eingeführte Population scheint ältere britische Dialekte zu bewahren, ein wenig so, wie sich manche alten Sprachformen in Auswanderergemeinschaften länger halten als im Herkunftsland.

Dachsammern in Kalifornien

In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren nahmen Peter Marler und Miwako Tamura Dachsammern rund um die Bucht von San Francisco auf und fanden deutlich unterscheidbare Gesangsdialekte. Jeder wurde von den Vögeln eines Gebiets geteilt und unterschied sich von den Nachbargebieten. Ihr 1964 in Science erschienener Aufsatz wurde zu einem Meilenstein in der Erforschung erlernten Tierverhaltens.

Dieselbe Art zeigte später auch, wie sich Dialekte verändern. David Luther und Luis Baptista verglichen Aufnahmen, die Jahrzehnte auseinanderlagen, und berichteten, dass sich einige Dialekte in San Francisco verändert hatten oder verschwunden waren. Stadtgesänge hatten sich zu höheren Mindestfrequenzen verschoben, vermutlich als Reaktion auf den tiefen Stadtlärm.

Weißkehlammern in Kanada

Der Gesang der nordamerikanischen Weißkehlammer wird in Kanada oft als „Oh sweet Canada Canada Canada“ wiedergegeben. Die wiederholten Schlusstöne wurden traditionell in Dreiergruppen gesungen, sogenannten Tripletts.

In einer 2020 in Current Biology veröffentlichten Studie zeigten Ken Otter und Kollegen, dass eine Variante mit Zweiergruppen, den Dubletten, in Westkanada entstand und sich nach Osten ausbreitete. Bis Ende der 2010er Jahre hatte sie Ontario hinter sich gelassen und Québec erreicht und dabei die Triplett-Endung in einem großen Teil des Verbreitungsgebiets verdrängt. Mithilfe von Aufnahmen aus der Bürgerwissenschaft und eigener Feldarbeit verfolgten die Forschenden die Ausbreitung über etwa zwei Jahrzehnte.

Wie konnte ein Gesang so schnell einen Kontinent durchqueren? Die Forschenden vermuteten, dass sich Vögel aus westlichen und östlichen Brutgebieten in gemeinsamen Überwinterungsgebieten mischen, wo junge Männchen die neue Version aufschnappen können. Warum sich die Dubletten-Version durchsetzte, ist unklar. Laut den Autoren scheint sie für Weibchen nicht offensichtlich attraktiver zu sein, und sie hielten es für möglich, dass schon die Neuheit selbst einen Vorteil bringt.

Schwarzkopfmeisen und ein Inseldialekt

Das klare „fii-bii“ der nordamerikanischen Schwarzkopfmeise ist über den größten Teil ihres riesigen Verbreitungsgebiets erstaunlich einheitlich, was für einen erlernten Gesang ungewöhnlich ist. Ausnahmen bilden isolierte Populationen. Auf der Insel Martha’s Vineyard in Massachusetts fanden Donald Kroodsma und Kollegen Meisen, die andere Versionen sangen als auf dem Festland. Ein Blick auf unsere heimischen Meisen zeigt übrigens das Gegenteil: Die Kohlmeise hat ein großes Repertoire an Strophentypen, und Nachbarn teilen oft einige davon.

Grasammern auf Kent Island

Auf Kent Island in der Bay of Fundy in Kanada werden Grasammern seit Jahrzehnten erforscht. Eine 2013 veröffentlichte Studie unter Leitung von Heather Williams nutzte Aufnahmen aus rund 30 Jahren und zeigte, dass sich der Gesang der Population stetig veränderte: Manche Elemente verschwanden, neue breiteten sich aus. Weil die Vögel der Insel individuell beringt sind, ließ sich verfolgen, wie bestimmte Varianten weitergegeben und ersetzt wurden.

Papageien in Costa Rica

Auch Papageien lernen ihre Laute. Timothy Wright fand bei Gelbnackenamazonen in Costa Rica, dass die Kontaktrufe in regionale Dialekte mit scharfen Grenzen zerfallen und Vögel an den Grenzen beide Varianten beherrschen. Spätere Arbeiten zeigten, dass diese Dialekte über etwa ein Jahrzehnt oder länger stabil blieben. Eingeschleppte Papageienbestände weltweit werden ebenfalls untersucht, um zu verstehen, wie schnell neue regionale Rufe entstehen.

Kreuzschnäbel: wenn „Dialekte“ auf neue Arten hindeuten

Fichtenkreuzschnäbel verwenden Flugrufe, die sich in mehrere klar unterscheidbare „Ruftypen“ einteilen lassen. Jeder Typ ist tendenziell mit bestimmten Nadelbäumen und Schnabelgrößen verbunden. Ruftypen werden auch in Europa beschrieben. In Nordamerika erkannte die American Ornithological Society 2017 die Vögel des Ruftyps 9 in den South Hills und Albion Mountains im Süden Idahos als eigene Art an, den Cassiakreuzschnabel. Das ist ein ungewöhnlicher Fall, in dem ein scheinbarer Dialekt auf Populationen hinweist, die genetisch eigene Wege gehen.

Wie erforschen Wissenschaftler Vogeldialekte?

Dialektforschung beruht auf sorgfältigen Aufnahmen und Vergleichen. Die Technik hat sich seit den 1950er Jahren stark verändert, die Logik ist gleich geblieben.

  1. Viele Vögel an vielen Orten aufnehmen. Forschende nehmen einzelne Männchen auf, idealerweise beringt oder anders erkennbar, und zwar über eine ganze Region verteilt. Öffentliche Tonarchive liefern heute zusätzlich Tausende Beispiele.
  2. Klang in Bilder übersetzen. Ein Spektrogramm, auch Sonagramm genannt, stellt Tonhöhe gegen Zeit dar. Jede Note wird zu einer sichtbaren Form, sodass sich Gesänge vergleichen lassen, die für das Ohr gleich klingen.
  3. Gesänge zerlegen. Gesänge werden in Noten, Silben und Phrasen unterteilt. Dann werden Silbentypen eingeordnet und notiert, in welchen Regionen sie vorkommen.
  4. Varianten kartieren. Auf einer Karte zeigt sich, ob Grenzen scharf sind wie bei Dialekten oder fließend wie bei geografischer Variation.
  5. Reaktionen testen. In Klangattrappen-Versuchen werden revierbesitzenden Vögeln örtliche und fremde Gesänge vorgespielt, und ihre Reaktionen wie Annäherung oder Gegengesang werden verglichen.
  6. Veränderungen über die Zeit verfolgen. Der Vergleich alter und neuer Aufnahmen vom selben Ort, wie in San Francisco und auf Kent Island, zeigt, wie Dialekte sich verschieben.

Maschinelles Lernen hat die Schritte 3 und 4 stark beschleunigt. Algorithmen können heute Zehntausende Silben in Typen sortieren und so Gesänge über ganze Kontinente vergleichen. Deshalb können neuere Studien Veränderungen wie die der Weißkehlammer fast in Echtzeit verfolgen.

Haben auch Rufe Dialekte, oder nur Gesänge?

Vor allem Gesänge, denn bei den meisten Singvögeln wird der Gesang gelernt, während viele Rufe angeboren sind. Es gibt aber Ausnahmen. Kontaktrufe von Papageien werden gelernt und zeigen Dialekte, wie die Studien in Costa Rica fanden. Die Flugrufe von Fichtenkreuzschnäbeln fallen in klar getrennte Typen. Auch manche Finken und Meisen übernehmen Teile ihrer Rufe von Schwarmgenossen, sodass ein Trupp eine gemeinsame Signatur entwickeln kann.

Wie schnell können sich Vogeldialekte verändern?

Das hängt von Art und Situation ab.

  • Manche Dialekte sind stabil. Studien an Papageien und einigen Ammern berichten von Dialekten, die Jahrzehnte überdauern.
  • Manche verschieben sich stetig. Die Grasammern von Kent Island zeigen allmähliche Veränderungen über Jahre.
  • Manche breiten sich rasant aus. Die Dubletten-Endung der Weißkehlammer verbreitete sich in rund 20 Jahren über Tausende Kilometer.
  • Manche gehen verloren. Wenn Bestände schrumpfen, können Dialekte verschwinden. Vom stark bedrohten Warzenhonigfresser in Australien gibt es so wenige erwachsene Vögel in freier Natur, dass viele junge Männchen heute abweichende Gesänge oder Gesänge anderer Arten singen. Eine Studie aus dem Jahr 2021 brachte das mit geringerem Bruterfolg in Verbindung.

Wozu braucht ein Vogel einen Dialekt?

Die Forschung hat mehrere Erklärungen geprüft.

Hilft der örtliche Dialekt bei der Revierverteidigung?

Klangattrappen-Versuche zeigen oft, dass revierbesitzende Männchen stärker auf den Gesang örtlicher Rivalen reagieren als auf Gesänge aus größerer Entfernung. Den Gesang eines Nachbarn aufzugreifen, kann der Verständigung dienen, etwa wenn ein Männchen den Strophentyp des Nachbarn als eskalierendes Signal zurücksingt. Nordamerikanische Singammern sind ein gut untersuchtes Beispiel für diese Gesangsanpassung, und auch bei der Kohlmeise ist das Zurücksingen passender Strophen beschrieben.

Hilft der örtliche Dialekt bei der Partnersuche?

Bei manchen Arten scheinen Weibchen stärker auf den örtlichen Gesang anzusprechen. Wenn Weibchen den örtlichen Dialekt bevorzugen, brüten Männchen, die ihn lernen, womöglich erfolgreicher. Die Belege unterscheiden sich von Art zu Art.

Halten Dialekte Populationen getrennt?

Eine alte und viel diskutierte Idee lautet, dass Dialekte wie Barrieren wirken: Vögel paaren sich dann bevorzugt mit Einheimischen und passen sich an örtliche Bedingungen an. Manche Studien an Dachsammern fanden genetische Unterschiede entlang von Dialektgrenzen, andere nicht. Nach heutigem Stand können Dialekte in manchen Fällen zur Trennung beitragen, sind allein aber meist keine starken Barrieren.

Ist es nur ein Nebeneffekt des Lernens?

Manchmal ja. Dialekte können einfach entstehen, weil Vögel von örtlichen Altvögeln lernen und nicht weit wandern. Ein Teil der Dialektunterschiede hat vermutlich keine besondere Funktion und ist schlicht kulturelle Drift, vergleichbar mit regional verschiedenen Wörtern für ein Brötchen, ob Semmel, Schrippe oder Weckle.

Singen Stadtvögel mit anderem Akzent?

Stadtvögel sind ständigem tieffrequentem Lärm von Verkehr und Maschinen ausgesetzt. Mehrere Studien zeigen, dass sie ihren Gesang anpassen.

  • Kohlmeisen in europäischen Städten singen mit höheren Mindestfrequenzen als Waldvögel, wie Hans Slabbekoorn und Margriet Peet 2003 in Nature berichteten.
  • Dachsammern in San Francisco verschoben ihren Gesang mit zunehmendem Stadtlärm nach oben. Es gibt Hinweise, dass dies sowohl durch Lernen als auch durch spontane Anpassung geschah.
  • In der ruhigeren Zeit der Corona-Lockdowns 2020 berichtete eine Studie in Science, dass Dachsammern in San Francisco leiser und mit besserer Gesangsleistung sangen. Vögel reagieren also schnell auf veränderten Lärm.

Das ist ein „Stadtakzent“ ganz praktischer Art: ein Weg, sich im Lärm Gehör zu verschaffen. Wer in einer deutschen Großstadt früh morgens Amsel und Rotkehlchen hört, sollte wissen, dass viele Stadtvögel zudem früher am Morgen oder sogar nachts singen, wenn es ruhiger ist.

Mythen und Fakten zu Vogeldialekten

BehauptungUrteilErklärung
Alle Vögel haben Dialekte.FalschVor allem Stimmlerner haben sie. Tauben, Hühner und viele andere Vögel variieren deutlich weniger.
Vogeldialekte sind für immer festgelegt.FalschSie verschieben sich, breiten sich aus und verschwinden manchmal innerhalb von Jahren bis Jahrzehnten.
Vögel mit verschiedenen Dialekten verstehen sich nicht.IrreführendVögel erkennen den Gesang ihrer Art aus anderen Gegenden meist trotzdem, reagieren aber womöglich schwächer.
Vogeldialekte sind genetisch bedingt.Überwiegend falschDialekte werden gelernt. Gene geben den groben Rahmen vor, nicht die lokalen Details.
Stadtvögel singen einfach lauter.TeilweiseViele singen höher, passen ihr Timing an oder singen zu ruhigeren Zeiten, nicht nur lauter.

Was bedeutet das für Vogelfreunde im Garten und auf Reisen?

Klingen Vögel im Urlaub anders?

Oft ja. Eine vertraute Art kann in einer anderen Region leicht fremd klingen. Das ist normal und gut zu wissen, wenn Sie Vogelstimmen nach Gehör lernen. Unser Ratgeber Vogelstimmen lernen mit 10 Arten empfiehlt, sich Rhythmus und Klangfarbe eines Gesangs einzuprägen. Diese sind über Regionen hinweg oft beständiger als einzelne Noten. Ein Buchfink bleibt am typischen, sich beschleunigenden Abwärtslauf erkennbar, auch wenn sein Schluss im Allgäu anders klingt als in Brandenburg.

Kommen Apps mit regionalen Unterschieden klar?

Apps zur Vogelstimmenerkennung werden mit Aufnahmen aus vielen Regionen trainiert und kommen mit den regionalen Varianten häufiger Arten meist gut zurecht. Ungewöhnliche Dialekte, die Übungsgesänge junger Vögel und Imitationen können sie aber in die Irre führen. Unser Ratgeber Merlin Sound ID richtig nutzen gibt Tipps, wie Sie Ergebnisse absichern.

Kann ich die Dialektforschung unterstützen?

Ja. Die Forschung zur Weißkehlammer stützte sich zum Teil auf Aufnahmen aus der Bevölkerung. Wenn Sie Tonaufnahmen an eBird-Beobachtungslisten anhängen, landen sie in der Macaulay Library des Cornell Lab und erweitern die Datengrundlage der Forschung. Wie das geht, erklärt unser Ratgeber eBird nutzen. Im deutschsprachigen Raum können Sie Beobachtungen außerdem bei ornitho.de melden, dem Portal, das der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) mitträgt, und Aufnahmen in öffentlichen Tonarchiven wie xeno-canto teilen. Entscheidend ist, zu jeder Aufnahme Datum und genauen Ort festzuhalten.

Kurze Fakten

  • Vögel, die ihren Gesang lernen, vor allem Singvögel und Papageien, entwickeln regionale Dialekte.
  • Dialekte entstehen durch Kopierfehler, Neuerungen und geringe Wanderbewegungen.
  • Buchfink und Goldammer zeigen auch in Mitteleuropa gut hörbare regionale Unterschiede.
  • Die Dialekte der Dachsammer rund um San Francisco wurden Anfang der 1960er Jahre beschrieben.
  • Eine Weißkehlammer-Variante mit Dubletten breitete sich in rund zwei Jahrzehnten von Westkanada bis Québec aus.
  • Neuseeländische Goldammern scheinen Dialekte zu bewahren, die in Großbritannien selten sind oder fehlen.
  • Der Cassiakreuzschnabel wurde 2017 als Art anerkannt, unter anderem wegen seiner eigenen Rufe.
  • Stadtlärm bringt manche Vögel dazu, höher zu singen.
  • Seltene Arten können ihren Gesang verlieren, wenn jungen Vögeln erwachsene Vorbilder fehlen.

Quellen

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Häufige Fragen

Singen Vögel derselben Art an verschiedenen Orten unterschiedlich?

Ja, bei vielen Singvögeln. Weil junge Vögel ihren Gesang von den erwachsenen Vögeln in ihrer Umgebung lernen, summieren sich kleine Kopierfehler zu lokalen Varianten, den Dialekten. Bei Buchfink und Goldammer lassen sich solche Unterschiede auch in Mitteleuropa gut hören. Vögel, die ihren Gesang nicht lernen, etwa Tauben, zeigen deutlich weniger regionale Unterschiede.

Was ist der Unterschied zwischen einem Vogeldialekt und einem Akzent?

In der Forschung spricht man von Dialekt, wenn eine lokale Gesangsvariante von vielen Vögeln geteilt wird und eine recht scharfe Grenze zum Nachbargebiet hat. Allmähliche Veränderungen über ein großes Verbreitungsgebiet heißen geografische Variation, was eher dem entspricht, was wir Akzent nennen. Im Alltag werden beide Begriffe oft gleich verwendet, beide beschreiben erlernte Unterschiede.

Können sich Vogeldialekte mit der Zeit verändern?

Ja. Das bekannteste Beispiel ist die nordamerikanische Weißkehlammer, deren Gesangsvariante mit Zweiergruppen am Ende sich zwischen etwa 2000 und 2019 von Westkanada aus über den Kontinent ausbreitete und die ältere Variante mit Dreiergruppen vielerorts ersetzte. Auch Dialekte der Dachsammer in Kalifornien und der Grasammer auf einer kanadischen Insel haben sich über Jahrzehnte messbar verändert.

Bevorzugen Vogelweibchen Männchen mit dem örtlichen Dialekt?

Bei manchen Arten gibt es Hinweise, dass Weibchen stärker auf den örtlichen Gesang reagieren. Männchen reagieren in Klangattrappen-Versuchen meist heftiger auf den Gesang örtlicher Rivalen. Die Idee, dass Dialekte Populationen genetisch trennen, wurde oft geprüft, mit gemischten Ergebnissen. Bei einigen Arten scheint das eine Rolle zu spielen, bei anderen nicht.

Haben Papageien Dialekte?

Ja. Papageien lernen ihre Kontaktrufe, und bei mehreren Arten gibt es regionale Ruf-Dialekte. Forschung an Gelbnackenamazonen in Costa Rica fand Dialekte mit scharfen Grenzen, die über viele Jahre stabil blieben. Auch eingeschleppte Papageienbestände, wie die Halsbandsittiche in rheinischen Städten, sind für die Forschung interessant, weil sich dort neue regionale Rufvarianten bilden können.