Können Vögel riechen?
Können Vögel riechen? Ja. Geier, Kiwis und Sturmvögel finden Nahrung über den Geruch, und auch Singvögel riechen mehr als gedacht. Das zeigt die Forschung.

In diesem Artikel
- Kurz beantwortet: Wie gut riechen Vögel?
- Warum glaubte man, Vögel könnten nicht riechen?
- Wie funktioniert die Nase eines Vogels?
- Welche Vögel riechen am besten?
- Können Singvögel und Gartenvögel riechen?
- Wie schneidet der Geruchssinn im Vergleich zu anderen Sinnen ab?
- Mythen und Fakten: Vögel und Geruch
- Was bedeutet das für Vogelfreunde im Garten?
- Kurze Fakten
- Quellen
- Häufige Fragen
Ja, Vögel können riechen. Jeder bisher untersuchte Vogel hat ein funktionierendes Riechsystem; die Anatomin Betsy Bang sezierte schon in den 1960er-Jahren die Riechkolben von weit über 100 Arten. Manche Arten sind zum Überleben auf Gerüche angewiesen: Truthahngeier finden verborgenes Aas über den Geruch, Kiwis stochern mit Nasenlöchern an der Schnabelspitze im Waldboden, und Albatrosse folgen über dem Ozean dem Duft von Nahrungsgebieten. Selbst Singvögel nutzen den Geruchssinn, um Nistmaterial auszuwählen, Artgenossen zu erkennen und Gefahren zu meiden.
Über ein Jahrhundert lang stand in Lehrbüchern das Gegenteil. Wer versteht, wie es zu diesem Irrtum kam und wie sich die Wissenschaft wandelte, versteht auch gut, was Vögel heute nach unserem Wissen riechen können und was nicht.
Kurz beantwortet: Wie gut riechen Vögel?
- Alle Vögel haben die Ausstattung. Nasenlöcher, eine Nasenhöhle mit Riechschleimhaut, Riechnerven und einen Riechkolben im Gehirn.
- Die Fähigkeit unterscheidet sich enorm zwischen den Arten. Manche Vögel haben große Riechkolben und zeigen klar geruchsgesteuertes Verhalten. Andere haben viel kleinere und verlassen sich offenbar vor allem auf Augen und Ohren.
- Die Spitzenreiter beim Riechen: Truthahngeier, Kiwis und Röhrennasen (Albatrosse, Sturmvögel, Sturmtaucher und Sturmschwalben).
- Auch Singvögel riechen, meist weniger fein, und sie nutzen den Geruch auf subtilere Weise.
- Der Mythos vom „angefassten Vogeljungen“ ist falsch. Eltern geben ihre Jungen nicht wegen menschlichen Geruchs auf.
Warum glaubte man, Vögel könnten nicht riechen?
Die Vorstellung hat eine lange Geschichte und einen berühmten Namen. In den 1820er-Jahren berichtete John James Audubon, der amerikanische Vogelmaler, von Versuchen, bei denen Geier einen versteckten, verwesenden Kadaver ignorierten, sich aber einer ausgestopften Hirschhaut oder einem Gemälde eines Kadavers näherten. Er schloss daraus, dass Geier allein mit den Augen jagen. Sein Schluss wurde weithin übernommen und ließ sich leicht auf Vögel im Allgemeinen übertragen.
Spätere Analysen legten nahe, dass Audubons Geier wahrscheinlich Rabengeier waren, eine Art, die sich stärker auf die Augen verlässt als ihr Verwandter, der Truthahngeier, und dass stark verwestes Fleisch für Geier womöglich einfach weniger attraktiv ist als frischeres Aas. Doch da hatte sich die Überzeugung schon festgesetzt.
Die Anatomie schien sie zu stützen. Die meisten Vögel haben kleine, schlitzförmige äußere Nasenlöcher, und bei vielen Singvögeln sind die für den Geruch zuständigen Hirnbereiche im Vergleich zu Säugetieren klein. Vögel sind außerdem offensichtlich Augentiere: Buntes Gefieder, aufwendige Balz und hervorragende Sehkraft deuten auf eine Sinneswelt, die von Sehen und Hören beherrscht wird. Die Annahme war vernünftig. Sie erwies sich nur als unvollständig.
Wer hat das Bild verändert?
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts begannen Forschende, Vogelnasen und Vogelgehirne systematisch zu vermessen. Am bekanntesten sind die Arbeiten von Betsy Bang, einer medizinischen Illustratorin und Anatomin, die in den 1960er-Jahren die Nasengänge und Riechkolben von weit über 100 Arten sezierte. Ihre mit Kollegen veröffentlichten Vergleiche zeigten, dass die Größe des Riechkolbens im Verhältnis zum Gehirn zwischen Vogelgruppen stark schwankt und dass manche Vögel, darunter Kiwis, Geier und Röhrennasen, beeindruckend große haben. Damit hatte die Forschung eine Landkarte, welche Arten sich zu testen lohnten, und Verhaltensversuche folgten.
Seitdem haben genetische Studien eine weitere Belegquelle hinzugefügt. Vögel tragen viele Gene für Riechrezeptoren, also die Proteine, die Duftmoleküle erkennen, und deren Zahl und Vielfalt unterscheiden sich zwischen den Arten. Diese Forschung entwickelt sich noch, passt aber ins Gesamtbild: Geruch ist für Vögel wichtig, für manche mehr als für andere.

Wie funktioniert die Nase eines Vogels?
Die Vogelnase folgt demselben Grundbauplan wie unsere, mit einigen Unterschieden.
- Nasenlöcher. Meist Öffnungen nahe der Basis des Oberschnabels. Bei manchen Vögeln liegen sie unter einer fleischigen Abdeckung oder unter Borsten, bei Rabenvögeln etwa unter nach vorn gerichteten Federborsten. Bei Röhrennasen sitzen sie in Röhren auf oder entlang des Schnabels.
- Nasenhöhle und Nasenmuscheln. Im Inneren strömt die Luft über eingerollte Strukturen, die Nasenmuscheln. Die meisten Vögel haben drei. Die vorderen wärmen, befeuchten und filtern vor allem die Luft.
- Riechschleimhaut. Die hinterste Nasenmuschel ist typischerweise mit Riechepithel überzogen, in dem Rezeptorzellen Duftmoleküle erkennen.
- Riechkolben. Die Signale laufen über den Riechnerv zum Riechkolben vorn im Gehirn, der die Geruchsinformation verarbeitet.
Forschende vergleichen Arten oft anhand der Größe des Riechkolbens im Verhältnis zum restlichen Gehirn. Das ist ein unvollkommenes Maß, denn ein kleiner Riechkolben bedeutet nicht, dass kein Geruchssinn vorhanden ist. Als grobe Orientierung, wie viel eine Art in den Geruch investiert, taugt es aber.
Wie prüft die Wissenschaft, ob ein Vogel riechen kann?
Weil Vögel uns nicht sagen können, was sie riechen, nutzen Forschende mehrere indirekte Methoden. Die stärksten Schlüsse ergeben sich, wenn sie übereinstimmen:
- Wahlversuche. Ein Vogel bekommt zwei Wege oder zwei Behälter angeboten, einen mit Duft und einen ohne, und es wird festgehalten, welchen er ansteuert. Y-förmige Labyrinthe sind für kleine Vögel ein übliches Versuchsdesign.
- Lernversuche. Vögel lernen, einen Duft mit einer Futterbelohnung zu verbinden. Gelingt ihnen das, können sie den Geruch wahrnehmen.
- Nervenableitungen. Im Labor wurde die elektrische Aktivität im Riechnerv gemessen, während Düfte in die Nasenhöhle geblasen wurden.
- Freilandversuche. Auf See setzen Forschende Duftteppiche oder Duftfahnen aus und zählen, welche Seevögel eintreffen und wie sie sich nähern, meist im Zickzack gegen den Wind, dem klassischen Muster eines Tieres, das einer Spur folgt.
Welche Vögel riechen am besten?
Truthahngeier: die Aasdetektive
Der Truthahngeier Nord- und Südamerikas ist das klassische Beispiel. Er gleitet tief über Wälder und Felder und findet Kadaver, die unter dem Kronendach verborgen liegen, wo keine Sehschärfe weiterhelfen würde. Er hat einen der größten Riechkolben im Verhältnis zur Hirngröße, die bei Vögeln bekannt sind.
Eine bekannte Geschichte verbindet das mit der Industrie. Mitte des 20. Jahrhunderts bemerkten Gasgesellschaften in den USA, dass sich Truthahngeier über Lecks in Pipelines sammelten. Dem Erdgas war Ethylmercaptan zugesetzt, eine Schwefelverbindung, die nach faulenden Lebensmitteln riecht und auch von verwesenden Kadavern abgegeben wird. Forschende bestätigten später, dass Truthahngeier von dieser Verbindung angelockt werden. Rabengeier mit ihrem schwächeren Geruchssinn finden Nahrung oft, indem sie Truthahngeier beobachten und ihnen folgen.
Die Altweltgeier in Afrika, Europa und Asien, etwa der Gänsegeier, der in Spanien, auf dem Balkan und im Sommer auch in den Alpen zu sehen ist, gehören zu einer anderen Familie und verlassen sich offenbar stärker auf die Augen und auf die Beobachtung anderer Aasfresser. Ihre ähnliche Lebensweise entstand unabhängig, eine Erinnerung daran, dass „Geier“ nicht automatisch „gute Nase“ bedeutet.
Kiwis: Nasenlöcher an der Schnabelspitze
Die Kiwis Neuseelands sind unter den heute lebenden Vögeln einzigartig: Ihre Nasenlöcher liegen ganz vorn am langen Schnabel. Sie suchen nachts nach Nahrung, stochern in Boden und Laubstreu nach Würmern und Insektenlarven und haben große Riechkolben. Versuche mit Kiwis in Gefangenschaft zeigten, dass sie vergrabenes Futter über den Geruch finden. Kiwis schniefen und schnauben bei der Nahrungssuche hörbar, ein seltener Fall eines Vogels, der klingt, als würde er schnüffeln.

Albatrosse, Sturmvögel und Sturmtaucher: dem Duft des Meeres folgen
Die Röhrennasen (Procellariiformes) umfassen Albatrosse, Sturmvögel, Sturmtaucher, Eissturmvögel und Sturmschwalben. Ihren Namen verdanken sie den röhrenförmigen Nasenlöchern auf dem Schnabel, und viele haben große Riechkolben. Wer auf Helgoland die brütenden Eissturmvögel an den Klippen sieht, kann die Röhrennase gut erkennen.
Diese Vögel suchen über riesigen Meeresflächen nach Nahrung, die ungleichmäßig verteilt ist. Forschung, vor allem von Gabrielle Nevitt und Kollegen, hat gezeigt, dass viele von ihnen von Dimethylsulfid (DMS) angezogen werden. Diese Verbindung wird frei, wenn Phytoplankton beschädigt wird, etwa wenn Krill und andere Kleintiere es abweiden. Eine DMS-Fahne wirkt wie eine Duftkarte, die zu Orten weist, an denen wahrscheinlich Beute zu finden ist. Manche Arten reagieren zudem stark auf den fischigen Geruch öliger Beute.
Auch in der Brutkolonie hilft der Geruch einigen dieser Vögel. Mehrere in Erdhöhlen brütende Sturmvögel und Sturmschwalben kehren nachts zu ihren Kolonien zurück, und Studien deuten darauf hin, dass sie ihre eigene Höhle unter Tausenden am Geruch finden. Manche erkennen offenbar ihren eigenen Geruch oder den ihres Partners.
Kann der Geruchssinn Seevögel in Gefahr bringen?
Leider ja. Eine Studie in Science Advances aus dem Jahr 2016 ergab, dass im Meer treibender Plastikmüll einen Belag aus Algen und anderen Organismen bekommt, der DMS abgeben kann. Plastik kann also für Seevögel, die nach Geruch suchen, nach Nahrung riechen. Das könnte erklären, warum Röhrennasen zu den Gruppen gehören, die am häufigsten Plastik verschlucken. Bei Eissturmvögeln an der Nordsee wird der Plastikgehalt im Magen sogar als Messgröße für die Meeresverschmutzung genutzt.
Weitere Vögel mit guter Nase
- Fettschwalm und einige Nachtschwalben. Der Fettschwalm Südamerikas, der nachts Früchte frisst, hat einen relativ großen Riechkolben. Forschende vermuten, dass der Geruch ihm hilft, aromatische Früchte zu finden, das ist aber weniger gründlich untersucht.
- Honiganzeiger. Afrikanische Honiganzeiger fressen Bienenwachs. Manche Forschende vermuten, dass der Geruch ihnen hilft, Bienennester zu finden, belegt ist das nicht.
- Enten und einige Wasservögel. Mehrere Entenvögel haben mittelgroße Riechkolben, und manche Versuche zeigen, dass Enten lernen können, auf Gerüche zu reagieren.
Können Singvögel und Gartenvögel riechen?
Ja, wenn auch meist weniger fein als Geier oder Sturmvögel. Jahrzehntelang galten Singvögel als praktisch geruchsblind. Forschung seit den 1980er-Jahren zeigt, dass sie den Geruch auf mehrere Arten nutzen.
Aromatisches Nistmaterial auswählen
Manche höhlenbrütenden Singvögel tragen frische aromatische Pflanzen ins Nest. Von Staren ist bekannt, dass sie bestimmte grüne Pflanzen auswählen, und in Studien auf der Mittelmeerinsel Korsika fügten Blaumeisen während der Brutzeit aromatische Kräuter wie Lavendel und Minze in ihre Nester ein und ersetzten sie, wenn sie welkten. Forschende vermuten, dass diese Pflanzen Parasiten oder Bakterien im Nest verringern könnten, die Ergebnisse unterscheiden sich aber zwischen den Studien. So oder so setzt die Wahl einer bestimmten Pflanze nach ihrem Duft einen Geruchssinn voraus. Unser Ratgeber wie Vögel Nester bauen beschreibt weitere Nistmaterialien.
Einander und das eigene Zuhause erkennen
Studien an Zebrafinken ergaben, dass Küken den Geruch ihres eigenen Nests erkennen. Forschung an Winterammern in Nordamerika legt nahe, dass die chemische Zusammensetzung des Bürzeldrüsenöls, das Vögel im Gefieder verteilen, Informationen über Geschlecht und Individuum trägt. Manche Seevögel wie der Schopfalk im Nordpazifik verströmen in der Brutzeit einen kräftigen, zitrusartigen Duft, der bei der Balz eine Rolle spielen könnte. Solche Befunde deuten darauf hin, dass das Sozialleben der Vögel eine chemische Seite hat, die die Wissenschaft gerade erst zu verstehen beginnt.

Gefahr wittern
Manche Versuche legen nahe, dass Singvögel wie Kohlmeisen und Blaumeisen an Nistkästen, die mit dem Geruch von Raubtieren wie Marder oder Wiesel behandelt wurden, vorsichtiger sind, während andere Studien kaum oder keine Reaktion fanden. Dieses Feld ist weiter umstritten, und die Ergebnisse scheinen von Art und Situation abzuhängen.
Brieftauben und der Geruch
Eine der überraschenderen Ideen zur Orientierung der Vögel ist, dass Brieftauben den Geruch nutzen könnten, um heimzufinden. Ab den 1970er-Jahren stellten italienische Forschende fest, dass Tauben ohne Geruchssinn oft Schwierigkeiten hatten, von unbekannten Orten heimzukehren. Die Hypothese der „olfaktorischen Navigation“ besagt, dass Tauben das Muster der vom Wind herangetragenen Düfte rund um ihren Schlag lernen und als eine Art Karte nutzen. Das bleibt umstritten, und Tauben nutzen eindeutig auch die Sonne und möglicherweise magnetische Signale, die Belege für eine Rolle des Geruchs sind aber erheblich. Unser Artikel, ob Vögel das Erdmagnetfeld nutzen, erklärt die anderen Orientierungssinne.
Wie schneidet der Geruchssinn im Vergleich zu anderen Sinnen ab?
| Sinn | Typische Stärke bei Vögeln | Hinweise |
|---|---|---|
| Sehen | Hervorragend | Viele Arten sehen UV-Licht und erkennen schnelle Bewegungen |
| Hören | Sehr gut | Eulen orten Beute allein nach Gehör |
| Riechen | Von schwach bis hervorragend | Am besten bei Geiern, Kiwis und Röhrennasen |
| Schmecken | Meist begrenzt | Vögel haben weniger Geschmacksknospen als Säugetiere und spüren keine Capsaicin-Schärfe |
| Tasten | Unterschiedlich | Empfindliche Schnabelspitzen bei stochernden Vögeln wie Schnepfen und Kiwis |
Bei den meisten Gartenvögeln sind Sehen und Hören die führenden Sinne, und der Geruch spielt eine Nebenrolle. Unsere Ratgeber, ob Vögel Farben sehen und ob Vögel Ohren haben, behandeln die Sinne, die die meiste Arbeit leisten.
Ist Riechen bei Vögeln dasselbe wie Schmecken?
Nein, aber beides hängt zusammen, wie beim Menschen. Vögel haben relativ wenige Geschmacksknospen, verteilt auf den hinteren Zungenbereich sowie Gaumen und Mundboden. Eine bekannte Folge ist, dass Vögel die Schärfe von Capsaicin, dem Wirkstoff scharfer Chilis, nicht spüren, Säugetiere wie Eichhörnchen dagegen schon. Deshalb gibt es mit Chili behandeltes Vogelfutter. Unser Artikel, ob Vögel scharfes Essen schmecken, erklärt die Chemie.
Mythen und Fakten: Vögel und Geruch
Mythos: Vögel haben keinen Geruchssinn. Fakt: Alle untersuchten Vögel haben ein funktionierendes Riechsystem, und manche verlassen sich stark auf Gerüche.
Mythos: Eine Vogelmutter verstößt ein Küken, das ein Mensch berührt hat. Fakt: Singvogeleltern lehnen Junge nicht wegen menschlichen Geruchs ab. Einen aus dem Nest gefallenen Nestling dürfen Sie ins Nest zurücksetzen. Befiederte Ästlinge, die schon hüpfen, werden dagegen meist noch von den Eltern versorgt und sollten bleiben, wo sie sind. Mehr dazu in unserem Artikel, ob Vogeleltern von Menschen berührte Junge verstoßen.
Mythos: Alle Geier finden Nahrung über den Geruch. Fakt: Truthahngeier tun es, Rabengeier und die meisten Altweltgeier verlassen sich stärker auf die Augen und auf andere Vögel.
Mythos: Große Nasenlöcher bedeuten einen guten Geruchssinn. Fakt: Die äußeren Nasenlöcher sagen wenig. Wichtiger sind die Riechschleimhaut innen und der Riechkolben im Gehirn.
Mythos: Vögel können nicht riechen, weil sie „zu sehr Augentiere“ sind. Fakt: Gute Augen und ein brauchbarer Geruchssinn schließen sich nicht aus. Viele Tiere verbinden mehrere starke Sinne.

Was bedeutet das für Vogelfreunde im Garten?
Für die meisten, die Vögel füttern, ändert der Geruchssinn im Alltag wenig, er klärt aber einige Fragen.
- Futterstellen werden mit den Augen und durch andere Vögel gefunden. Kommen keine Vögel an ein neues Futterhaus, hilft aromatisiertes Futter kaum. Sichtbarkeit, Deckung in der Nähe und Geduld zählen mehr. Unser Ratgeber, warum keine Vögel ans neue Futterhaus kommen, erklärt, was hilft.
- Schimmeliges oder verdorbenes Futter ist wegen der Gesundheit wichtig, nicht weil Vögel es riechen. Vögel fressen womöglich auch verdorbenes Futter, daher lohnt es sich, Futter zu prüfen und richtig zu lagern. Unser Ratgeber, ob Vogelfutter schlecht wird, nennt die Anzeichen.
- Menschlicher Geruch an Nest oder Küken ist kein Problem, trotzdem sollten Sie besetzte Nester nicht stören, denn Beutegreifer wie Katzen oder Marder können Ihrer Spur folgen, und die Eltern geraten unter Stress. In Deutschland ist das mutwillige Stören von Brutstätten wildlebender Vögel zudem durch das Bundesnaturschutzgesetz untersagt.
- Starke Düfte im Nistkasten sind unnötig. Parfüm, ätherische Öle oder insektizidhaltige Produkte gehören nicht in Nistkästen, und manche können Vögeln schaden.
Häufige Fehler
- Einen gesunden Nestling aus Angst vor menschlichem Geruch nicht ins Nest zurücksetzen.
- Parfümierte oder ölige Mittel an Futterstellen oder Nistkästen anbringen, in der Hoffnung, Vögel anzulocken.
- Erwarten, dass Vögel ein neues Futterhaus schnell „riechen“, und es deshalb zu früh umhängen.
Kurze Fakten
- Alle untersuchten Vögel haben einen funktionierenden Geruchssinn, dessen Stärke aber stark schwankt.
- Die Annahme, Vögel könnten nicht riechen, geht teilweise auf John James Audubons Geierversuche in den 1820er-Jahren zurück.
- Truthahngeier finden unter Bäumen verborgenes Aas über den Geruch und werden von Ethylmercaptan angelockt, einem Zusatz im Erdgas.
- Kiwis sind die einzigen heute lebenden Vögel mit Nasenlöchern an der Schnabelspitze.
- Albatrosse, Sturmvögel und Sturmtaucher folgen Dimethylsulfid, einem Duft, der auf Planktonfraßgebiete hinweist.
- Treibendes Plastik kann denselben Duft abgeben, was erklären könnte, warum Seevögel es verschlucken.
- Manche Singvögel wie Blaumeisen tragen aromatische Kräuter ins Nest.
- Menschlicher Geruch bringt Vogeleltern nicht dazu, ihre Jungen aufzugeben.
Quellen
Häufige Fragen
Können Vögel überhaupt riechen?
Ja. Alle bisher untersuchten Vögel haben ein funktionierendes Riechsystem mit Nasenhöhle, Riechnerven und einem Riechkolben im Gehirn. Die alte Annahme, Vögel hätten keinen Geruchssinn, geht auf frühe Versuche mit Geiern zurück und ist durch jahrzehntelange Forschung widerlegt. Wie stark sich einzelne Arten auf den Geruch verlassen, ist allerdings sehr unterschiedlich, von Kiwis und Geiern bis zu Singvögeln.
Welcher Vogel hat den besten Geruchssinn?
Einen allgemein anerkannten Sieger gibt es nicht, weil Arten den Geruch für unterschiedliche Aufgaben nutzen. Truthahngeier, Kiwis und Röhrennasen wie Albatrosse, Sturmvögel und Sturmtaucher haben im Verhältnis zum Gehirn große Riechkolben und finden nachweislich Nahrung über den Geruch. Kiwis sind besonders ungewöhnlich, weil ihre Nasenlöcher ganz vorn an der Schnabelspitze liegen.
Verstoßen Vogeleltern ein Junges, das ein Mensch angefasst hat?
Nein, das ist ein Mythos. Die meisten Singvögel erkennen ihre Jungen offenbar nicht am Geruch, und die Eltern sind sehr stark an Nest und Küken gebunden. Finden Sie einen gesunden, noch nackten oder kaum befiederten Nestling am Boden, dürfen Sie ihn vorsichtig ins Nest zurücksetzen. Menschlicher Geruch führt nicht dazu, dass die Eltern ihn aufgeben.
Riechen Vögel das Vogelfutter im Futterhaus?
Die meisten Gartenvögel finden Futterstellen wahrscheinlich vor allem mit den Augen, indem sie anderen Vögeln zusehen und sich Orte merken. Bei manchen Arten spielt der Geruch vielleicht eine kleine Rolle, aber es gibt keine starken Belege, dass Vögel Futter erschnüffeln wie ein Hund. Ein neues Futterhaus braucht meist Zeit, um gesehen zu werden, keinen stärkeren Duft.
Warum glaubte man, Vögel könnten nicht riechen?
In den 1820er-Jahren führte John James Audubon Versuche durch, nach denen Geier Nahrung mit den Augen statt mit der Nase fanden, und diese Idee setzte sich durch. Vögel haben zudem kleine äußere Nasenlöcher und bei vielen Arten kleine Riechkolben, was die Annahme bestärkte. Spätere Forschung, vor allem ab Mitte des 20. Jahrhunderts, zeigte, dass viele Vögel einen brauchbaren Geruchssinn haben.