Vogelsterben: Warum gibt es immer weniger Vögel?

Warum gibt es immer weniger Vögel? Vor allem Lebensraumverlust und intensive Landwirtschaft, dazu Katzen, Glas, Pestizide, Klimawandel und Krankheiten.

Eine einzelne singende Feldlerche auf einem Zaunpfahl am Rand eines großen gepflügten Ackers mit schmalem Wiesenstreifen (KI-Illustration)
KI-generierte Illustration, kein Foto
In diesem Artikel
  1. Kurz beantwortet: die Hauptursachen des Vogelsterbens
  2. Wie stark sind die Vogelbestände zurückgegangen?
  3. Warum ist der Verlust von Lebensräumen der größte Treiber?
  4. Wie wirkt sich die moderne Landwirtschaft auf Vögel aus?
  5. Schadet der Insektenschwund den Vögeln?
  6. Wie viele Vögel töten Katzen?
  7. Wie viele Vögel sterben an Glasscheiben?
  8. Treibt der Klimawandel das Vogelsterben an?
  9. Welche anderen Bedrohungen spielen eine Rolle?
  10. Warum ist der Verlust häufiger Vögel so wichtig?
  11. Welche Vögel nehmen am schnellsten ab?
  12. Nehmen auch Vogelarten zu?
  13. Mythen und Fakten zum Vogelsterben
  14. Was können Vogelfreunde im Garten tun?
  15. Das Wichtigste in Kürze
  16. Quellen
  17. Häufige Fragen

Warum gibt es immer weniger Vögel? Vor allem, weil ihre Lebensräume verloren gehen oder sich verschlechtern, allen voran durch intensive Landwirtschaft. Dazu kommen weitere Belastungen, die sich summieren: Katzen, Kollisionen mit Glas, Pestizide und schwindende Insekten, Klimawandel, eingeschleppte Arten, Krankheiten und illegale Verfolgung. In der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich fehlen nach Schätzungen seit 1980 rund 560 bis 620 Millionen Brutvögel, in Nordamerika seit 1970 etwa 2,9 Milliarden.

Das Bild ist aber nicht einheitlich. Manche Vögel gedeihen, und mehrere Erfolge des Naturschutzes zeigen, dass sich Rückgänge umkehren lassen. Wer die Ursachen versteht, weiß auch, was wirklich hilft.

Kurz beantwortet: die Hauptursachen des Vogelsterbens

  • Verlust und Verschlechterung von Lebensräumen: Umwandlung von Grünland, Wäldern und Feuchtgebieten sowie die Intensivierung der Landwirtschaft.
  • Intensive Landwirtschaft: Pestizide, Dünger, verschwundene Hecken, Feldraine und Brachen, frühere und häufigere Mahd.
  • Insektenschwund: weniger Insekten bedeuten weniger Nahrung, vor allem für Küken.
  • Freilaufende Katzen: in vielen Ländern eine der größten direkt vom Menschen verursachten Todesursachen für Vögel.
  • Vogelschlag an Glas: allein in Deutschland sterben nach Schätzungen jedes Jahr über 100 Millionen Vögel an Glasscheiben.
  • Klimawandel: verschobene Verbreitungsgebiete, zeitliche Fehlanpassung an das Nahrungsangebot und mehr Wetterextreme.
  • Eingeschleppte Arten, Krankheiten und illegale Tötung: vor allem auf Inseln und entlang der Zugwege.

Wie stark sind die Vogelbestände zurückgegangen?

Für Europa stammt die meistzitierte Zahl aus einer Studie von 2021. Die Forschenden werteten langjährige Monitoringdaten aus zahlreichen Ländern aus und schätzten, dass die Europäische Union und das Vereinigte Königreich zwischen 1980 und 2017 zusammen rund 560 bis 620 Millionen Brutvögel verloren haben, grob jeden sechsten Vogel. Einen großen Anteil an den Verlusten hatten häufige Arten der Agrarlandschaft und der Siedlungen wie Haussperling, Star und Feldlerche.

Für Nordamerika ergab eine 2019 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie ein ähnliches Muster. Die Forschenden kombinierten Daten aus Langzeit-Monitoringprogrammen mit Wetterradarmessungen des nächtlichen Vogelzugs. Sie schätzten, dass die Zahl der Brutvögel in den USA und Kanada seit 1970 um rund 2,9 Milliarden gesunken ist, ein Nettoverlust von etwa 29 Prozent.

Einige zentrale Muster aus diesen Arbeiten:

  • Die Verluste betrafen fast alle Lebensräume, am stärksten aber Vögel des Offenlands und Graslands.
  • Viele der größten Verluste in absoluten Zahlen entfielen auf häufige, weit verbreitete Arten, nicht nur auf seltene.
  • In Nordamerika zeigten Radardaten unabhängig davon einen Rückgang der Frühjahrszugmenge im vorangegangenen Jahrzehnt.
  • Einige Gruppen, etwa Wasservögel und Greifvögel, nahmen zu. Naturschutz kann also wirken.

In Deutschland dokumentiert der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) mit Tausenden ehrenamtlichen Zählerinnen und Zählern die Bestandsentwicklung, zusammen mit den Vogelschutzwarten und dem Bundesamt für Naturschutz. Die Berichte zeigen ein klares Muster: Die Vögel der Agrarlandschaft stehen am schlechtesten da. Weltweit zeigen die Berichte von BirdLife International, dass fast die Hälfte aller Vogelarten mit bekanntem Trend abnimmt, während nur ein deutlich kleinerer Anteil zunimmt. Wie viele Vögel es überhaupt gibt, erklärt unser Beitrag wie viele Vögel es auf der Welt gibt.

Warum ist der Verlust von Lebensräumen der größte Treiber?

Vögel brauchen geeignete Orte zum Fressen, Brüten, Rasten auf dem Zug und Überwintern. Verschwinden diese Orte oder verschlechtern sie sich, gehen die Bestände zurück, selbst wenn kein einzelner Vogel direkt getötet wird.

Grünland und Offenland

Artenreiches Grünland gehört zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen. In Deutschland wurden in den vergangenen Jahrzehnten große Flächen Dauergrünland umgebrochen oder in intensiv genutzte Vielschnittwiesen verwandelt, und Feuchtwiesen wurden entwässert. Wiesenbrüter wie Kiebitz, Uferschnepfe, Großer Brachvogel und Braunkehlchen haben besonders stark abgenommen. In Nordamerika wurde der Großteil der Hochgrasprärie in Ackerland umgewandelt, mit ähnlichen Folgen für die dortigen Graslandvögel. In Südamerika werden die Pampa und die Savannen des brasilianischen Cerrado in großem Maßstab in Soja- und Weideflächen umgewandelt.

Wälder

Die Abholzung tropischer Wälder trifft sowohl die dort ansässigen Vögel als auch Zugvögel, die dort überwintern. Der Atlantische Regenwald Brasiliens ist auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft und beherbergt viele bedrohte endemische Arten. In unseren Breiten verringert der Mangel an alten Bäumen, Totholz und Unterholz das Angebot an Brut- und Nahrungsplätzen, etwa für Spechte, Hohltaube oder Halsbandschnäpper.

Feuchtgebiete

Feuchtgebiete wurden weltweit für Landwirtschaft und Bebauung trockengelegt. Watvögel auf dem Ostasiatisch-Australasiatischen Zugweg haben stark abgenommen, auch weil Watten am Gelben Meer, ein entscheidender Rastplatz, eingedeicht und bebaut wurden. Für Europa ist das Wattenmeer ein vergleichbar wichtiger Rastplatz, der heute als Nationalpark und Weltnaturerbe geschützt ist. Im Mittelmeerraum und in der Türkei belasten trockengelegte Sümpfe und geringere Wasserführung der Flüsse überwinternde Wasservögel und Zugvögel.

Wie wirkt sich die moderne Landwirtschaft auf Vögel aus?

Eine Studie aus dem Jahr 2023 wertete Langzeitdaten von mehr als 20.000 Monitoringstandorten in 28 europäischen Ländern aus. Ihr Ergebnis: Die Intensivierung der Landwirtschaft ist der wichtigste Druckfaktor hinter dem Rückgang der Vögel, noch vor Verstädterung, Veränderungen der Waldfläche und steigenden Temperaturen. Da Agrarflächen in Deutschland rund die Hälfte der Landesfläche ausmachen, wirkt sich ihre Bewirtschaftung stark auf die Vogelwelt aus.

Zu den wichtigsten Veränderungen gehören:

  1. Pestizide: Insektizide verringern die Insekten, von denen viele Vögel und vor allem ihre Küken abhängen. Herbizide entfernen Wildkräuter und deren Samen, von denen Finken, Ammern und Sperlinge leben. Einige Insektizide, insbesondere Neonicotinoide, werden in Studien mit sinkenden Vogelbeständen und schädlichen Wirkungen auf Vögel in Verbindung gebracht, die behandeltes Saatgut fressen. In der EU ist der Freilandeinsatz mehrerer Neonicotinoide inzwischen stark eingeschränkt.
  2. Verlust von Feldrainen und Hecken: Sie bieten Nistplätze, Deckung und Nahrung. Größere Schläge mit weniger Rändern ernähren weniger Vögel.
  3. Herbstaussaat und weniger Stoppelfelder: Veränderte Anbauzeiten bedeuten weniger ausgefallene Körner und verunkrautete Felder im Winter, wenn samenfressende Vögel sie am dringendsten brauchen.
  4. Frühere und häufigere Mahd: Silageschnitt kann die Nester von Bodenbrütern wie Wachtelkönig, Feldlerche und Braunkehlchen zerstören, bevor die Jungen flügge sind.
  5. Dünger: Hohe Düngergaben lassen dichte, einförmige Vegetation wachsen, in der Bodenvögel schlechter brüten und Nahrung suchen können.

Die Vögel der Agrarlandschaft sind in Europa stärker zurückgegangen als die meisten anderen Gruppen. Rebhuhn, Turteltaube, Grauammer und Kiebitz gehören zu den Arten, die in vielen Ländern, auch in Deutschland, dramatisch abgenommen haben.

Schadet der Insektenschwund den Vögeln?

Sehr wahrscheinlich. Die meisten Singvögel füttern ihre Jungen mit Insekten, selbst Arten wie Sperlinge und Finken, die als Altvögel überwiegend Samen fressen. Eine einzige Brut von Kohl- oder Blaumeisen kann Tausende Raupen benötigen.

Weltweite Aufmerksamkeit erregte eine 2017 veröffentlichte Studie mit Daten des Entomologischen Vereins Krefeld: In Schutzgebieten in Deutschland war die Biomasse fliegender Insekten über 27 Jahre um mehr als drei Viertel zurückgegangen. Studien aus anderen Ländern berichten ebenfalls von langfristigen Rückgängen, auch wenn deren Ausmaß je nach Region und Methode schwankt. Luftinsektenjäger, also Vögel, die Insekten im Flug fangen, etwa Rauchschwalbe, Mehlschwalbe, Mauersegler und Ziegenmelker, haben in Europa und Nordamerika stärker abgenommen als viele andere Gruppen. Die Forschung sieht den Insektenschwund als wahrscheinlichen Mitverursacher, neben anderen Faktoren.

Für Gartenbesitzer ist das eine der Ursachen, gegen die man am meisten tun kann. Heimische Pflanzen ernähren weit mehr Insektenarten als die meisten nicht heimischen Ziergehölze. Liegen gelassenes Laub bietet überwinternden Insekten Schutz, wie unser Beitrag Laub liegen lassen erklärt.

Wie viele Vögel töten Katzen?

Viele. Für Deutschland gibt es keine verlässliche bundesweite Zahl, doch die Schätzungen, die Naturschutzverbände nennen, gehen in die Millionen. Am gründlichsten untersucht ist das Thema in den USA: Eine Studie von 2013 schätzte, dass freilaufende Hauskatzen dort jedes Jahr etwa 1,3 bis 4 Milliarden Vögel töten, den größten Teil davon herrenlose und verwilderte Katzen. Auch Studien aus Großbritannien, Australien und Kanada zählen Katzen zu den größten direkt vom Menschen verursachten Todesursachen für Vögel.

Besonders verheerend sind Katzen auf Inseln, wo Vögel ohne Raubsäuger entstanden sind. Weltweit werden Katzen mit dem Aussterben von Dutzenden Vogelarten auf Inseln in Verbindung gebracht.

Katzen in der Wohnung, auf einem gesicherten Balkon oder in einem Freigehege zu halten, schützt Vögel und hat auch für die Katzen Vorteile. Wer Freigang erlaubt, kann die Katze zumindest in der Brutzeit von Mai bis Juli morgens im Haus lassen, wenn frisch ausgeflogene Jungvögel besonders gefährdet sind. Unser Ratgeber Katzen und Vögel zeigt praktische Möglichkeiten.

Wie viele Vögel sterben an Glasscheiben?

Für Deutschland schätzt die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten, dass jedes Jahr über 100 Millionen Vögel an Glas sterben. In den USA kam eine Studie von 2014 auf etwa 365 bis 988 Millionen Opfer pro Jahr. Die meisten Kollisionen passieren an Wohnhäusern und niedrigen Gebäuden, nicht an Hochhäusern, schlicht weil es so viel mehr davon gibt. Auch gläserne Lärmschutzwände und Bushaltestellen sind bekannte Fallen.

Vögel nehmen klares oder spiegelndes Glas nicht als Hindernis wahr. Sie sehen gespiegelten Himmel und Bäume oder einen freien Durchflug zu Pflanzen auf der anderen Seite. Nachts ziehende Vögel werden außerdem von beleuchteten Gebäuden in Städten angezogen, besonders bei Nebel oder tiefen Wolken, was die Zahl der Kollisionen erhöht.

Die Lösungen sind vorhanden und relativ einfach: vogelfreundliches Glas mit Muster, dicht gesetzte Markierungen oder Folien auf der Außenseite, Insektengitter und das Ausschalten unnötiger Beleuchtung während der Zugzeit. Einzelne Greifvogel-Silhouetten helfen dagegen kaum. Unser Ratgeber Vogelschlag an Fenstern verhindern erklärt, welche Methoden wirken.

Treibt der Klimawandel das Vogelsterben an?

Er wird immer wichtiger, auch wenn er für viele Arten derzeit weniger schwer wiegt als Lebensraumverlust und Landwirtschaft. Der Klimawandel wirkt auf mehreren Wegen:

  • Verschiebung der Verbreitungsgebiete: Viele Arten wandern polwärts oder in größere Höhen. Arten, die schon am Rand leben, etwa Vögel der Hochgebirge oder der Arktis, haben wenig Ausweichraum. In den Alpen gilt das zum Beispiel für das Alpenschneehuhn.
  • Zeitliche Fehlanpassung: Manche Vögel richten Brut oder Zug nach der Tageslänge aus, während ihr Futter, etwa Raupen, in wärmeren Frühjahren früher seinen Höhepunkt erreicht. Studien an Trauerschnäppern in den Niederlanden brachten solche Fehlanpassungen mit Bestandsrückgängen in einigen Gebieten in Verbindung.
  • Wetterextreme: Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Stürme können Vögel direkt töten oder ganze Brutzeiten vernichten. Seevögel reagieren besonders empfindlich auf veränderte Meerestemperaturen, die das Fischangebot beeinflussen.
  • Meeresspiegelanstieg: Er bedroht Brut- und Nahrungsflächen an den Küsten, etwa Salzwiesen, auf die Rotschenkel, Austernfischer und Seeschwalben angewiesen sind.

Modellrechnungen von Naturschutzorganisationen in Europa und Nordamerika deuten darauf hin, dass viele Vogelarten bei stärkerer Erwärmung große Teile ihres heutigen Verbreitungsgebiets verlieren könnten.

Welche anderen Bedrohungen spielen eine Rolle?

Eingeschleppte Arten

Ratten, Mungos, Schlangen und andere eingeschleppte Räuber haben viele Vogelarten auf Inseln ausgerottet. Die versehentliche Einschleppung der Braunen Nachtbaumnatter nach Guam hat die meisten heimischen Waldvögel der Insel ausgelöscht. Auch invasive Pflanzen können Lebensräume entwerten.

Krankheiten

Krankheiten können plötzliche, drastische Rückgänge auslösen. Die durch einen Parasiten verursachte Trichomonadose breitete sich ab Mitte der 2000er-Jahre unter Gartenvögeln aus und trug in Großbritannien und auch in Deutschland zu einem starken Rückgang des Grünfinken bei, wobei Futterstellen und Tränken als Übertragungsorte gelten. Das von Stechmücken übertragene Usutu-Virus führte in Deutschland in mehreren Sommern zu auffälligen Todesfällen bei Amseln. Die hochpathogene Vogelgrippe hat in den letzten Jahren auf mehreren Kontinenten große Zahlen von Seevögeln, Wasservögeln und Greifvögeln getötet, auch an der deutschen Küste. Auf Hawaii treibt die von Stechmücken übertragene Vogelmalaria heimische Kleidervögel weiter an den Rand des Aussterbens.

Saubere Futterstellen und Tränken verringern die Ausbreitung von Krankheiten im Garten. Siehe unseren Ratgeber Vogelfutterhaus reinigen.

Illegale Tötung und Fang

Rund um das Mittelmeer werden nach Schätzungen jedes Jahr Millionen ziehender Vögel illegal geschossen, mit Netzen gefangen oder mit Leimruten erbeutet, darunter viele Vögel, die in Deutschland brüten. In Ostasien trug der Fang für den Verzehr zum Zusammenbruch der Weidenammer bei, einst einer der häufigsten Vögel Eurasiens und heute als vom Aussterben bedroht eingestuft. In Brasilien und Teilen Südostasiens hat der Fang von Singvögeln für den Käfigvogelhandel die Bestände begehrter Sänger dezimiert. Auch in Deutschland werden Greifvögel noch immer illegal vergiftet oder geschossen. In der EU sind wild lebende Vögel durch die Vogelschutzrichtlinie geschützt, in Deutschland zusätzlich durch das Bundesnaturschutzgesetz.

Lichtverschmutzung und Energie-Infrastruktur

Künstliches Licht in der Nacht desorientiert Zugvögel. Stromleitungen, schlecht platzierte Windräder und Masten verursachen ebenfalls Kollisionen, doch gute Standortwahl und Bauweise können diese Folgen deutlich verringern.

Warum ist der Verlust häufiger Vögel so wichtig?

Man nimmt leicht an, dass eine Art mit Millionen Individuen sicher ist. Doch gerade häufige Vögel erledigen einen Großteil der ökologischen Arbeit in einer Landschaft. Meisen, Laubsänger und Sperlinge fressen riesige Mengen Insekten, darunter Schädlinge in Feld und Wald. Drosseln und Tauben verbreiten die Samen von Beerensträuchern und Bäumen. Eichelhäher vergraben Eicheln und pflanzen damit künftige Wälder. Aasfresser wie Geier räumen Kadaver ab. Als ihre Bestände in Südasien in den 1990er- und 2000er-Jahren durch ein Tierarzneimittel in Viehkadavern zusammenbrachen, folgten mehr verwilderte Hunde und Sorgen um Krankheiten.

Wenn häufige Arten ein Viertel oder mehr ihres Bestands verlieren, schrumpfen diese Leistungen, auch wenn keine Art verschwindet. Der Rückgang häufiger Vögel ist zudem ein Frühwarnsignal. Vögel sind gut untersucht und leicht zu zählen, deshalb zeigen ihre Trends oft Probleme in Boden, Wasser, Insekten- und Pflanzenwelt an, bevor diese direkt gemessen werden.

Und schließlich sind häufige Vögel diejenigen, denen die meisten Menschen täglich begegnen. Weniger solcher Begegnungen bedeuten auch ein ärmeres, stilleres Naturerlebnis im Alltag.

Welche Vögel nehmen am schnellsten ab?

GruppeBeispieleWichtigste Ursachen
Vögel der AgrarlandschaftRebhuhn, Feldlerche, Grauammer, TurteltaubePestizide, Verlust von Hecken, Brachen und Stoppeln, Jagddruck auf dem Zug
WiesenbrüterKiebitz, Uferschnepfe, Großer Brachvogel, BraunkehlchenEntwässerung, frühe Mahd, Umbruch von Grünland
LuftinsektenjägerRauchschwalbe, Mehlschwalbe, MauerseglerInsektenschwund, Verlust von Nistplätzen an Gebäuden
LangstreckenzieherKuckuck, Trauerschnäpper, viele GrasmückenBelastungen in Brut-, Rast- und Wintergebieten
WatvögelKnutt, Sichelstrandläufer, LöffelstrandläuferVerlust von Rastplätzen an Küsten, Störungen, Klimawandel
SeevögelPapageitaucher, DreizehenmöweVerändertes Fischangebot, Beifang, Vogelgrippe
InselvögelKleidervögel auf HawaiiEingeschleppte Räuber, Krankheiten

Nehmen auch Vogelarten zu?

Ja, und diese Erfolge machen Hoffnung.

  • Greifvögel: Nachdem DDT und ähnliche Pestizide ab den 1970er-Jahren verboten wurden, erholten sich Seeadler, Wanderfalke und Fischadler in Europa. In Nordamerika gilt dasselbe für Weißkopfseeadler und Braunpelikan.
  • Große Wasser- und Stelzvögel: Kraniche ziehen heute in großen Zahlen durch Deutschland und brüten wieder in vielen Regionen. Weißstorch und Löffler sind vielerorts zurückgekehrt, dank Schutzgesetzen, Wiedervernässung und Lebensraumpflege.
  • Wasservögel in Nordamerika: Enten- und Gänsebestände nahmen deutlich zu, getragen von jahrzehntelangem Feuchtgebietsschutz.
  • Inseln: Die Entfernung eingeschleppter Räuber hat es Seevögeln und Landvögeln ermöglicht, auf Inseln zurückzukehren, etwa vor der Küste Neuseelands.

Anpassungsfähige Arten, die gut mit Menschen zurechtkommen, wie Ringeltaube, Rabenkrähe oder Mönchsgrasmücke, haben in vielen Regionen ebenfalls zugenommen.

Mythen und Fakten zum Vogelsterben

Mythos: Nur seltene Vögel sind in Gefahr. Fakt: Ein Großteil der zahlenmäßigen Verluste in Europa und Nordamerika betrifft häufige Arten wie Sperlinge, Stare und Schwalben.

Mythos: Futterhäuser halten die Vogelbestände gesund. Fakt: Füttern kann manchen Arten helfen, vor allem im Winter, ersetzt aber keine Lebensräume und keine Insekten. Verschmutzte Futterstellen können außerdem Krankheiten verbreiten.

Mythos: Windräder sind die Hauptursache für tote Vögel. Fakt: Windräder töten Vögel, und der Standort ist wichtig, doch Schätzungen zufolge sterben weit mehr Vögel durch Katzen und Glasscheiben.

Mythos: Man kann nichts tun. Fakt: Feuchtgebietsschutz, Pestizidverbote, die Entfernung eingeschleppter Räuber und Renaturierung haben bei vielen Arten den Rückgang umgekehrt.

Was können Vogelfreunde im Garten tun?

Einzelne Gärten summieren sich, besonders in Vororten und Kleinstädten, wo Gärten große Flächen einnehmen.

  1. Heimische Pflanzen setzen. Heimische Bäume, Sträucher und Stauden ernähren Insekten und liefern Samen und Beeren. Unser Beitrag zu Beerensträuchern für Vögel im Winter ist ein guter Einstieg.
  2. Pestizide reduzieren oder ganz weglassen. Etwas Fraß an Blättern bedeutet Insekten, und Insekten bedeuten Futter für Küken.
  3. Katzen einschränken. Das ist eine der direktesten Möglichkeiten, Vogelverluste zu verringern.
  4. Problemfenster sichern. Behandeln Sie die Scheiben, an denen Anflüge passieren.
  5. Unnötige Außenbeleuchtung ausschalten, besonders während des Frühjahrs- und Herbstzugs.
  6. Futterstellen und Tränken sauber halten, um Krankheiten zu begrenzen.
  7. Etwas Unordnung zulassen. Laub, Samenstände und Totholz bieten Nahrung und Unterschlupf.
  8. Vögel zählen. Mitmachaktionen wie die “Stunde der Gartenvögel” und die “Stunde der Wintervögel” des NABU, Meldungen auf ornitho.de oder auf eBird liefern der Forschung die Daten, um Rückgänge zu erkennen. Siehe unsere Anleitung eBird nutzen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die EU und das Vereinigte Königreich haben seit 1980 schätzungsweise 560 bis 620 Millionen Brutvögel verloren.
  • In den USA und Kanada gibt es schätzungsweise 2,9 Milliarden Brutvögel weniger als 1970, etwa 29 Prozent.
  • Eine europäische Analyse nennt die Intensivierung der Landwirtschaft als wichtigste Ursache.
  • In Deutschland sind Vögel der Agrarlandschaft und Wiesenbrüter am stärksten betroffen.
  • An Glasscheiben sterben in Deutschland nach Schätzungen jährlich über 100 Millionen Vögel.
  • Fast die Hälfte der Vogelarten mit bekanntem Trend nimmt weltweit ab.
  • Greifvögel, Kraniche und Störche haben dank Naturschutz zugenommen.

Quellen

Meistgelesen

Häufige Fragen

Wie viele Vögel hat Europa verloren?

Eine 2021 veröffentlichte Studie schätzt, dass die Europäische Union und das Vereinigte Königreich zwischen 1980 und 2017 rund 560 bis 620 Millionen Brutvögel verloren haben, etwa jeden sechsten Vogel. Einen großen Teil der Verluste machen häufige Arten wie Haussperling, Star und Feldlerche aus. In Nordamerika wird der Rückgang seit 1970 auf rund 2,9 Milliarden Brutvögel geschätzt.

Was ist die größte Ursache für das Vogelsterben?

Als wichtigster Treiber weltweit gilt der Verlust und die Verschlechterung von Lebensräumen, vor allem durch intensive Landwirtschaft. Eine große europäische Analyse nannte die Intensivierung der Landwirtschaft, einschließlich Pestizid- und Düngereinsatz, als stärksten Druckfaktor. Dazu kommen Katzen, Glasflächen, Klimawandel, eingeschleppte Arten, Krankheiten und illegale Verfolgung.

Gibt es auch in Deutschland weniger Vögel?

Ja. Besonders stark zurückgegangen sind Vögel der Agrarlandschaft wie Kiebitz, Rebhuhn, Feldlerche und Turteltaube. Das zeigen die Bestandsberichte des Dachverbands Deutscher Avifaunisten und der Naturschutzverbände. Einige Arten haben sich dagegen erholt, darunter Seeadler, Kranich, Weißstorch und Wanderfalke, dank Schutzgesetzen und gezielter Naturschutzarbeit.

Nehmen manche Vogelarten auch zu?

Ja. In Europa sind Weißstorch, Kranich, Rotmilan in Teilen seines Verbreitungsgebiets und Löffler vielerorts zurückgekehrt. Greifvögel wie Seeadler und Wanderfalke erholten sich, nachdem DDT verboten wurde. In Nordamerika haben viele Wasservögel dank Feuchtgebietsschutz zugenommen. Solche Erfolge zeigen, dass gezielter Naturschutz wirkt.

Was kann ich im Garten gegen das Vogelsterben tun?

Mehrere praktische Schritte helfen: heimische Bäume, Sträucher und Blumen pflanzen, die Insekten fördern; auf Pestizide verzichten; Katzen möglichst nicht frei laufen lassen oder zumindest in der Brutzeit einschränken; Glasflächen gegen Vogelschlag sichern; Futterstellen und Tränken sauber halten und Laub und Samenstände stehen lassen. Auch das Melden von Beobachtungen hilft der Forschung.