Warum sind Vogelmännchen bunter als die Weibchen?

Warum sind Vogelmännchen bunter als Weibchen? Sexuelle Selektion: Weibchen wählen farbige Partner, Männchen konkurrieren, schlichte Weibchen brüten getarnt.

Ein leuchtend rotes Kardinalmännchen und ein warm braunes Weibchen sitzen zusammen auf einem verschneiten Zweig (KI-Illustration)
KI-generierte Illustration, kein Foto
In diesem Artikel
  1. Schnelle Fakten: warum Vogelmännchen bunter sind
  2. Was ist sexuelle Selektion?
  3. Warum sind Vogelweibchen so unscheinbar?
  4. Woher kommen die Farben der Vögel?
  5. Was kostet ein buntes Gefieder ein Männchen?
  6. Wie erforschen Wissenschaftler die Farben der Vögel?
  7. Gibt es Vögel, bei denen die Weibchen bunter sind?
  8. Bleiben Vogelmännchen das ganze Jahr bunt?
  9. Warum sehen Männchen und Weibchen mancher Arten gleich aus?
  10. Beeinflusst das Paarungssystem, wie bunt Männchen sind?
  11. Mythen und Fakten über bunte Vogelmännchen
  12. Was bedeutet das für Vogelfreunde im Garten?
  13. Das Fazit
  14. Quellen
  15. Häufige Fragen

Warum sind Vogelmännchen bunter als die Weibchen? Vor allem wegen der sexuellen Selektion, die Charles Darwin 1871 beschrieb. Bei vielen Arten wählen die Weibchen ihre Partner aus, und sie entscheiden sich bevorzugt für Männchen mit den leuchtendsten Farben. Zugleich setzen Männchen bunte Abzeichen ein, um Rivalen einzuschüchtern. Weibchen, die auf offenen Nestern brüten, profitieren dagegen von schlichtem, tarnendem Gefieder, und so hält die natürliche Selektion sie unauffällig.

Charles Darwin legte diese Idee 1871 in seinem Buch Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl dar, und mehr als 150 Jahre Forschung haben sie verfeinert statt widerlegt. Die Einzelheiten sind aber spannender als die Schlagzeile. Manche Weibchen sind bunter als die Männchen, manche Männchen sind nur wenige Monate im Jahr prächtig, und manche Arten, die für uns gleich aussehen, sehen für die Vögel selbst ganz verschieden aus. Im eigenen Garten lässt sich vieles davon beobachten: am schwarzen Amselmännchen und seinem braunen Weibchen, am Buchfinkenpaar am Futterhaus oder am Stockerpel auf dem Teich.

Schnelle Fakten: warum Vogelmännchen bunter sind

  • Hauptursache: sexuelle Selektion durch Partnerwahl der Weibchen und Konkurrenz unter Männchen.
  • Warum Weibchen schlicht sind: Tarnung beim Brüten und bei der Jungenaufzucht.
  • Farben können ehrliche Signale sein: Rote und gelbe Carotinoidfarben hängen von Nahrung und Gesundheit ab.
  • Nicht universell: Bei Wassertretern, beim Mornellregenpfeifer und einigen anderen Vögeln sind die Weibchen bunter.
  • Oft jahreszeitlich: Viele Männchen mausern außerhalb der Brutzeit in ein schlichtes Kleid.
  • Wir sehen nur einen Teil: Vögel sehen Ultraviolett, deshalb unterscheiden sich manche “gleichen” Geschlechter im UV-Bereich.

Was ist sexuelle Selektion?

Natürliche Selektion begünstigt Merkmale, die einem Tier beim Überleben helfen. Sexuelle Selektion begünstigt Merkmale, die ihm bei der Fortpflanzung helfen, selbst wenn sie das Überleben erschweren. Ein langer Schwanz oder ein leuchtend rotes Gefieder mag Fressfeinde anlocken, doch wenn es auch mehr Partner anlockt, kann es sich trotzdem in einer Population ausbreiten.

Die sexuelle Selektion wirkt auf zwei Hauptwegen.

Partnerwahl durch die Weibchen

Bei den meisten Vögeln investieren die Weibchen mehr in jeden Brutversuch als die Männchen. Sie legen große, nährstoffreiche Eier und übernehmen bei vielen Arten den größten Teil oder die gesamte Bebrütung. Dadurch wird jedes Weibchen zu einer knappen Ressource, und Weibchen werden wählerischer. Die Männchen wiederum konkurrieren um ihre Aufmerksamkeit.

Über viele Generationen können die Vorlieben der Weibchen männliche Merkmale ins Extreme treiben. Die Paradiesvögel Neuguineas sind das klassische Beispiel: Die Männchen vieler Arten tragen prächtige Schmuckfedern und Farben und führen aufwendige Balztänze auf, während die Weibchen vergleichsweise schlicht sind und die Jungen allein aufziehen. Der Blaue Pfau ist ein weiteres Beispiel. Studien an Pfauen haben die Schleppe und ihre Augenflecken mit dem Paarungserfolg in Verbindung gebracht, wobei die Ergebnisse zwischen Studien und Populationen schwanken. In Europa zeigt der Fasan, eigentlich eine eingebürgerte Art aus Asien, dasselbe Muster: ein prächtig schillernder Hahn und eine tarnfarbene, braun gefleckte Henne.

Konkurrenz unter Männchen

Bunte Farben dienen auch als Signale zwischen Männchen. Ein Farbfleck kann Kampfkraft oder Rang anzeigen und Streitigkeiten beilegen, ohne dass es zum echten Kampf kommt.

Ein gutes Beispiel ist der nordamerikanische Rotschulterstärling. Revierbesitzende Männchen zeigen bei der Balz ihre rot-gelben Schulterabzeichen, die Epauletten. In einem klassischen Experiment in den 1970er-Jahren hatten Männchen, deren Epauletten schwarz eingefärbt worden waren, größere Mühe, ihre Reviere zu halten. Die Abzeichen spielen also offenbar im Umgang der Männchen untereinander eine Rolle. Bei unserer Kohlmeise wird der schwarze Brustlatz ähnlich gedeutet: Studien deuten darauf hin, dass Männchen mit breiterem Streifen in Rangkämpfen häufiger dominieren, auch wenn die Ergebnisse nicht in allen Populationen gleich ausfallen.

Warum sind Vogelweibchen so unscheinbar?

Die andere Hälfte der Antwort betrifft die Weibchen. Bei vielen Singvögeln baut das Weibchen das Nest, bebrütet die Eier und hudert die Küken und sitzt dabei stundenlang still an einer Stelle. Ein leuchtend roter Vogel auf einem offenen Napfnest wäre für Sperber, Eichelhäher, Eichhörnchen, Marder oder Katze leicht zu finden. Ein braunes Amselweibchen im Nest in der Hecke fällt dagegen kaum auf.

Der Naturforscher Alfred Russel Wallace, der im 19. Jahrhundert zusammen mit Darwin die natürliche Selektion entdeckte, betonte genau diesen Punkt: Seiner Ansicht nach waren schlichte Weibchen das Ergebnis einer Selektion auf Tarnung und nicht bloß das Fehlen einer Selektion auf Farbe.

Moderne Studien deuten darauf hin, dass beide teilweise recht hatten. Eine große vergleichende Analyse, die 2015 in Nature erschien und Tausende von Singvogelarten umfasste, ergab, dass sich die Farben von Männchen und Weibchen meist gemeinsam entwickeln und dass starke sexuelle Selektion mit einem größeren Farbunterschied zwischen den Geschlechtern verbunden ist. Sie legte außerdem nahe, dass der Unterschied in vielen Linien entstand, weil die Weibchen blasser wurden, und nicht nur, weil die Männchen bunter wurden. Das erklärt, warum das Muster von Familie zu Familie so stark schwankt.

Woher kommen die Farben der Vögel?

Um zu verstehen, warum manche Männchen bunter sind als andere, hilft es zu wissen, wie Federn zu ihrer Farbe kommen. Es gibt zwei große Quellen, dazu einige Sonderfälle.

FarbquelleWelche FarbenWie der Vogel sie erhältBeispiele
MelanineSchwarz, Grau, Braun, Rostrot, BeigeBildet der Vogel in eigenen ZellenAmsel, Krähen, Sperlinge
CarotinoideRot, Orange, GelbMüssen mit der Nahrung aufgenommen werdenGimpel, Stieglitz (rote Gesichtsmaske), Kohlmeise (gelbe Brust), Pirol
StrukturfarbenBlau, Violett, schillerndes Grün und PurpurMikroskopische Federstrukturen streuen das LichtEisvogel, Blaumeise, Kopf des Stockerpels, Star
Andere PigmenteBesondere Rot-, Gelb- und Grüntöne in einzelnen GruppenBildet der Vogel selbstPapageien (Psittacofulvine), Turakos

Warum Carotinoidfarben “ehrliche” Signale sind

Vögel können Carotinoide nicht selbst herstellen. Sie müssen sie in Früchten, Samen, Blüten und Insekten finden, dann aufnehmen, transportieren und in die wachsenden Federn einlagern. Ein Männchen, das gesund, parasitenfrei und geschickt bei der Nahrungssuche ist, kann ein röteres oder gelberes Gefieder bilden als ein schwächerer Rivale.

Das am besten untersuchte Beispiel ist der nordamerikanische Hausgimpel. Männchen dieser Art reichen von blassgelb über orange bis tiefrot. Forschungen unter Leitung von Geoffrey Hill ergaben, dass diese Unterschiede die Carotinoide widerspiegeln, die die Männchen während der Mauser fressen, und dass die Weibchen röter gefärbte Männchen bevorzugen. Für ein Weibchen ist das Rot eine lesbare Werbung für Geschick und Verfassung eines Männchens.

Auch bei uns lässt sich das Prinzip beobachten. Die gelbe Brust der Kohlmeise stammt vor allem aus Carotinoiden in Raupen, die die Vögel fressen. Studien in Europa haben gezeigt, dass Kohlmeisen in Gebieten mit weniger oder schlechterer Raupennahrung, etwa in stark belasteten Stadtbereichen, blasser gelb gefärbt sein können. Weil die Farbe von der Nahrung während der Mauser abhängt, liefert sie eine aktuelle Momentaufnahme der Verfassung des Vogels. Unser Ratgeber warum Vögel mausern erklärt, wie der jährliche Federwechsel abläuft.

Ein auffälliges Beispiel aus Nordamerika: Manche Zedernseidenschwänze, nahe Verwandte unseres Seidenschwanzes, haben orange statt gelbe Schwanzspitzen. Forscher führten das auf ein rotes Pigment in den Beeren bestimmter eingeführter Heckenkirschen zurück, die die Vögel fraßen, während die Schwanzfedern wuchsen. Das zeigt, wie direkt Nahrung die Farbe eines Vogels verändern kann.

Auch Strukturfarben können Qualität anzeigen

Blau und schillernde Farben entstehen durch die feine Struktur der Feder und nicht durch Pigmente. Eine gut geordnete Struktur zu bilden, hängt möglicherweise ebenfalls von der Verfassung eines Vogels ab, und mehrere Studien haben die Leuchtkraft blauer Gefiederpartien mit der Qualität von Männchen verknüpft, zum Beispiel bei nordamerikanischen Hüttensängern und bei der Blaumeise. Unser Beitrag, warum blaue Federn eigentlich nicht blau sind, erklärt die Physik dahinter.

Was kostet ein buntes Gefieder ein Männchen?

Wären bunte Farben kostenlos, hätte jeder Vogel sie. Dass sie nicht universell sind, zeigt, dass sie echte Kosten verursachen, und gerade diese Kosten machen sie für die Weibchen aussagekräftig.

Risiko durch Fressfeinde

Ein auffälliger Vogel ist leichter zu finden. Studien mit bemalten Attrappen und Freilandbeobachtungen haben im Allgemeinen ergeben, dass bunte Vögel eher von Fressfeinden bemerkt werden, wobei die Stärke des Effekts je nach Lebensraum und Art des Fressfeinds schwankt. Viele bunte Männchen senken das Risiko, indem sie von bestimmten Warten aus balzen, aus der Deckung singen oder in der Nähe dichter Vegetation bleiben.

Nahrungs- und Stoffwechselkosten

Carotinoide sind nicht nur Farbstoffe. Im Körper stehen sie auch mit dem Immunsystem und der antioxidativen Abwehr in Verbindung. Daraus entstand die Hypothese vom Zielkonflikt: Ein Männchen, das Carotinoide in die Federn lenkt, hat womöglich weniger für andere Zwecke übrig, sodass sich nur Männchen in guter Verfassung die kräftigste Farbe leisten können. Die Idee ist bei manchen Arten gut belegt und bei anderen umstritten, bietet aber eine Erklärung dafür, warum Farbe ein so verlässliches Signal ist.

Soziale Kosten

Ein buntes Männchen zieht nicht nur die Aufmerksamkeit der Weibchen auf sich, sondern auch die Aggression von Rivalen. Bei Arten, deren Farbe den Rang anzeigt, muss ein Männchen, dessen Gefieder mehr verspricht, als er halten kann, mit kostspieligen Herausforderungen rechnen. Manche Forscher glauben, dass diese soziale Kontrolle die Signale ehrlich hält.

Wie erforschen Wissenschaftler die Farben der Vögel?

Vieles von dem, was wir wissen, stammt aus einigen wenigen Arten von Untersuchungen.

  1. Spektralfotometrie. Forscher messen das von den Federn reflektierte Licht über den gesamten Bereich, den Vögel sehen, einschließlich Ultraviolett, statt sich auf das menschliche Urteil zu verlassen.
  2. Sehmodelle. Die Messwerte fließen in Modelle des Vogelauges ein, um abzuschätzen, wie verschieden zwei Farben für einen Vogel und nicht für einen Menschen aussehen.
  3. Experimente. Manchmal verändern Wissenschaftler das Gefieder, etwa indem sie einen Farbfleck abdunkeln, oder lassen Weibchen zwischen Männchen wählen und verfolgen dann den Paarungserfolg.
  4. Fütterungsstudien. Wird bei Vögeln in Gefangenschaft während der Mauser der Carotinoidgehalt im Futter verändert, zeigt sich, wie stark die Farbe von der Nahrung abhängt.
  5. Vergleichende Studien. Der Vergleich von Hunderten oder Tausenden Arten deckt große Zusammenhänge zwischen Farbe, Paarungssystem, Brutpflege und Lebensraum auf.

Gibt es Vögel, bei denen die Weibchen bunter sind?

Ja, und gerade sie bestätigen die Regel. Wenn sich die üblichen Rollen umkehren, kehren sich auch die Farben um.

Wassertreter. Drei Arten dieser kleinen Watvögel gibt es: Odinshühnchen, Thorshühnchen und Wilsonwassertreter. Das Odinshühnchen brütet unter anderem in Skandinavien und auf Island und zieht nur selten durch Deutschland. Die Weibchen tragen das buntere Brutkleid, werben um die Männchen und konkurrieren untereinander. Nach der Eiablage zieht das Weibchen oft weiter, und das schlichtere Männchen brütet die Eier aus und kümmert sich um die Küken. Hier ist das Geschlecht, das auf dem Nest sitzt, das getarnte.

Mornellregenpfeifer. Auch bei dieser Art, die in der Tundra, in Skandinavien und vereinzelt in hohen Gebirgen brütet und im Spätsommer auf traditionellen Rastplätzen in Mitteleuropa auftaucht, ist das Weibchen kräftiger gefärbt, und oft übernimmt das Männchen die Brut.

Goldschnepfen und manche Laufhühnchen. In diesen Gruppen, die in Teilen Afrikas, Asiens und Australiens vorkommen, sind die Weibchen ebenfalls meist kontrastreicher gezeichnet, und die Männchen übernehmen einen Großteil der Brutpflege.

Edelpapagei. Diese Art aus Neuguinea und Nordaustralien ist ein Sonderfall: Beide Geschlechter sind prächtig. Die Männchen sind überwiegend leuchtend grün, die Weibchen rot mit Violett oder Blau. Forschungen in Australien brachten die kräftige Farbe der Weibchen mit einer harten Konkurrenz um knappe Bruthöhlen in Verbindung, in denen die Weibchen lange Zeit verbringen und ihren Besitz anzeigen. Das Grün der Männchen hilft ihnen dagegen, bei der Nahrungssuche im Kronendach unterzutauchen.

Bleiben Vogelmännchen das ganze Jahr bunt?

Viele nicht. Bei einer Reihe von Arten sind die Männchen nur zur Brutzeit prächtig und mausern danach in ein schlichteres Kleid.

  • Stockente und andere Enten: Die Erpel tragen im Sommer ein unscheinbares, weibchenähnliches Schlichtkleid, während sie in der Mauser flugunfähig sind. Ab dem Herbst leuchtet der Kopf wieder grün.
  • Rohrammer: Das Männchen hat im Frühjahr einen schwarzen Kopf und einen weißen Bartstreif. Im Winter verdecken bräunliche Federspitzen das Schwarz weitgehend.
  • Bergfink und Buchfink: Auch hier nutzen sich helle Federränder im Lauf des Winters ab, sodass die Prachtfarben der Männchen erst im Frühjahr voll hervortreten. Der Vogel muss dafür gar nicht mausern.
  • Nordamerikanische Beispiele: Männchen der Goldzeisige werden im Winter olivbraun, Scharlachtangaren wechseln von Scharlachrot zu Gelbgrün.

Warum der Aufwand? Ein buntes Gefieder hat Kosten, darunter die bessere Sichtbarkeit für Fressfeinde und in manchen Fällen die Energie für seine Bildung. Wenn es keine Partnerinnen zu beeindrucken und keine Reviere zu verteidigen gibt, sinkt der Nutzen, und ein unauffälligeres Winterkleid kann die bessere Strategie sein.

Andere Arten behalten ihre Farbe das ganze Jahr. Der Gimpel etwa trägt seine rosarote Brust auch im Winter, und Gimpelpaare halten oft über die kalte Jahreszeit zusammen, was den Vorteil eines Wechsels verringern könnte.

Warum sehen junge Männchen aus wie Weibchen?

Bei manchen Arten sehen einjährige Männchen wie Weibchen aus oder zeigen nur Andeutungen der Altvogelfärbung. Man spricht von verzögerter Gefiederreifung. Ein bekanntes Beispiel aus unseren Gärten ist der Hausrotschwanz: Viele Männchen tragen im ersten Brutjahr ein graubraunes, weibchenähnliches Kleid und erhalten erst später das rußschwarze Gefieder mit dem weißen Flügelfeld. Auch junge Pirolmännchen ähneln im ersten Jahr noch stark den grünlich gefärbten Weibchen.

Forscher haben mehrere Gründe vorgeschlagen:

  1. Aggression vermeiden: Ältere Männchen greifen junge Männchen womöglich seltener an, wenn diese wie Weibchen aussehen.
  2. Energie sparen: Junge Männchen erobern im ersten Jahr oft ohnehin kein Revier, die Investition in eine teure Prachtfärbung wäre dann vergeudet.
  3. Tarnung: Schlichtere Vögel sind in ihrem riskantesten Lebensjahr womöglich weniger Fressfeinden ausgesetzt.

Die beste Erklärung unterscheidet sich vermutlich von Art zu Art, und die Frage wird weiterhin aktiv erforscht.

Warum sehen Männchen und Weibchen mancher Arten gleich aus?

Bei vielen Vögeln, etwa bei Rotkehlchen, Eichelhäher, Elster, Rabenkrähe und den meisten Möwen, sehen die Geschlechter für uns gleich aus. Mehrere Faktoren scheinen hier eine Rolle zu spielen.

  • Beide Eltern teilen sich die Arbeit. Wo Männchen und Weibchen gemeinsam brüten und füttern, tragen beide ein ähnliches Risiko durch Fressfeinde.
  • Beide Geschlechter konkurrieren. Beim Rotkehlchen verteidigen im Herbst und Winter sowohl Männchen als auch Weibchen eigene Reviere und singen dabei. Bei vielen tropischen Arten mit ganzjährigen Revieren verteidigen beide Partner das Revier, und beide sind oft bunt.
  • Wechselseitige Wahl. Bei manchen Arten wählen auch die Männchen ihre Partnerinnen aus, was Schmuckmerkmale bei beiden Geschlechtern begünstigen kann.

Manche “gleichen” Geschlechter sind für Vögel nicht gleich

Menschen sehen mit drei Grundfarben. Die meisten Vögel besitzen vier Typen farbempfindlicher Zapfen, darunter einen für ultraviolettes Licht, wie unser Ratgeber zur Frage, ob Vögel ultraviolettes Licht sehen können, erklärt.

Deshalb entgehen uns Unterschiede, die Vögel deutlich sehen. Die Blaumeise ist der berühmte Fall: Für uns sehen die Geschlechter fast gleich aus, doch Studien Ende der 1990er-Jahre zeigten, dass die Kopfplatte der Männchen mehr ultraviolettes Licht reflektiert als die der Weibchen und dass Weibchen dieses UV-Signal offenbar bei der Partnerwahl nutzen. Ähnliche verborgene UV-Unterschiede wurden auch bei anderen Arten beschrieben. Das erinnert daran, dass “gleich gefärbt” oft nur “gleich gefärbt für das menschliche Auge” bedeutet.

Beeinflusst das Paarungssystem, wie bunt Männchen sind?

Im Großen und Ganzen ja. Je ungleicher der Paarungserfolg unter den Männchen verteilt ist, desto stärker wirkt meist die sexuelle Selektion und desto prächtiger werden die Männchen oft.

  • Arten mit Balzplätzen (Leks). Bei Vögeln, deren Männchen sich zur gemeinsamen Balz versammeln und die Weibchen nur zur Paarung aufsuchen, zeugen wenige Männchen oft den größten Teil des Nachwuchses. Beispiele sind viele Paradiesvögel und Pipras, bei uns Birkhuhn und Kampfläufer. Diese Arten zeigen besonders extreme Schmuckmerkmale, man denke an die Halskrausen der Kampfläufermännchen.
  • Soziale Monogamie mit Fremdvaterschaften. Viele Singvögel bilden für eine Saison ein Paar, doch DNA-Studien zeigen, dass bei vielen Arten ein nennenswerter Anteil der Küken von anderen Männchen als dem sozialen Partner stammt. Mehrere Studien fanden, dass Arten mit mehr Fremdvaterschaften meist stärkere Farbunterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen. Unser Ratgeber zur Frage, ob Vögel ein Leben lang zusammenbleiben, erklärt das genauer.
  • Geteilte, langfristige Partnerschaften. Bei Arten, deren Paare jahrelang zusammenbleiben und die Brutpflege gleichmäßig teilen, etwa vielen Gänsen, Schwänen und Seevögeln, sehen die Geschlechter oft gleich aus.

Mythen und Fakten über bunte Vogelmännchen

Mythos: Männchen sind einfach bunter, weil sie “das auffällige Geschlecht” sind. Fakt: Farbunterschiede entstehen durch bestimmte Selektionsdrücke, und bei manchen Arten sind die Weibchen das auffällige Geschlecht.

Mythos: Buntere Männchen sind immer gesünder. Fakt: Farbe spiegelt oft die Verfassung wider, hängt aber auch von Alter, Genetik, Ernährung und dem örtlichen Nahrungsangebot ab. Eine blassgelbe Kohlmeise ist nicht zwangsläufig krank.

Mythos: Ein brauner Vogel neben einem bunten ist immer das Weibchen. Fakt: Es kann auch ein junges Männchen sein, ein Männchen im Schlichtkleid oder eine ganz andere Art.

Mythos: Vögel sehen einander so, wie wir sie sehen. Fakt: Vögel sehen Ultraviolett, ihr Blick auf das Gefieder unterscheidet sich also von unserem.

Was bedeutet das für Vogelfreunde im Garten?

Wer weiß, warum Männchen bunter sind, bestimmt Vögel leichter und beobachtet mit mehr Gewinn.

  • Die Weibchen kennenlernen. Viele Bestimmungsprobleme betreffen das schlichte Geschlecht. Nehmen Sie sich Zeit für Buchfink-, Gimpel-, Hausrotschwanz- und Haussperlingweibchen, damit Sie sie auch ohne Männchen erkennen.
  • Jahreszeitliche Wechsel erwarten. Ein matter Erpel im August ist dieselbe Stockente, die Sie im Frühjahr prächtig gesehen haben.
  • Auf die Balz achten. Achten Sie im Frühjahr auf Männchen, die ihr Gefieder aufplustern, den Schwanz fächern oder Flügelabzeichen zeigen. Sie sehen dann sexuelle Selektion in Aktion.
  • Farbunterschiede bemerken. Unterschiedlich kräftig gelbe Kohlmeisen am selben Futterhaus spiegeln Unterschiede in Nahrung und Verfassung während der letzten Mauser wider.
  • Die richtigen Merkmale nutzen. Gestalt, Verhalten und Gesang verraten eine Art oft schneller als die Farbe, wie unser Ratgeber zum Bestimmen von Vögeln zeigt.

Das Fazit

Vogelmännchen sind meist bunter, weil Weibchen bei vielen Arten farbige Partner wählen und Männchen Farbe im Wettbewerb einsetzen, während brütende und nestbewachende Weibchen von Tarnung profitieren. Das Muster wird von Ernährung, Paarungssystem, Brutpflege und sogar von den Farben geprägt, die Vögel sehen und wir nicht. Wo sich die Rollen umkehren, wie bei Wassertretern und Mornellregenpfeifern, kehren sich auch die Farben um, und das ist einer der stärksten Belege dafür, dass die Erklärung stimmt.

Quellen

Meistgelesen

Häufige Fragen

Warum sind Vogelweibchen meist unscheinbarer als die Männchen?

Zwei Kräfte wirken zusammen. Sexuelle Selektion begünstigt bei Männchen kräftige Farben, weil Weibchen sie bevorzugen und Rivalen sie respektieren. Natürliche Selektion begünstigt bei Weibchen Tarnung, denn bei vielen Arten brütet das Weibchen, und ein schlichter Vogel auf einem offenen Nest ist für Fressfeinde schwerer zu entdecken. In manchen Linien wurden laut Forschung eher die Weibchen blasser, statt dass die Männchen bunter wurden.

Gibt es Vögel, bei denen das Weibchen bunter ist?

Ja. Bei den Wassertretern, kleinen Watvögeln, die in der Arktis und in Skandinavien brüten, sind die Weibchen bunter, werben um die Männchen und überlassen ihnen Brut und Jungenaufzucht. Beim Mornellregenpfeifer ist es ähnlich. Beim Edelpapagei aus Neuguinea und Nordaustralien sind beide Geschlechter prächtig: Männchen grün, Weibchen rot und violett.

Bleiben Vogelmännchen das ganze Jahr bunt?

Nicht immer. Viele Männchen mausern nach der Brutzeit in ein schlichteres Kleid. Stockerpel tragen im Sommer ein weibchenähnliches Schlichtkleid, bei Rohrammer und Bergfink wirken die Männchen im Winter matter, weil helle Federspitzen die Prachtfarben verdecken, bis sie sich im Frühjahr abnutzen. Andere Arten wie der Gimpel bleiben das ganze Jahr über gleich gefärbt.

Warum sehen manche Vogelmännchen im ersten Jahr wie Weibchen aus?

Das nennt man verzögerte Gefiederreifung. Einjährige Männchen des Hausrotschwanzes etwa sind oft grau statt schwarz gefärbt und ähneln den Weibchen stark. Als Erklärungen werden unter anderem weniger Angriffe durch ältere Männchen und Energiesparen diskutiert, solange junge Männchen ohnehin kaum ein Revier erobern. Die Gründe können je nach Art verschieden sein.

Sehen Vögel Farben aneinander, die wir nicht sehen?

Ja. Die meisten Vögel sehen ultraviolettes Licht, das Menschen nicht wahrnehmen. Bei manchen Arten, die für uns gleich aussehen, etwa der Blaumeise, unterscheiden sich die Geschlechter im UV-Bereich: Die Kopfplatte der Männchen reflektiert mehr Ultraviolett als die der Weibchen. Für einen anderen Vogel sehen Männchen und Weibchen solcher Arten deutlich verschieden aus.

Beeinflusst das Futter, wie bunt ein Männchen ist?

Bei roten, orangen und gelben Federn oft ja. Diese Farben stammen meist aus Carotinoiden, die Vögel nicht selbst bilden können und fressen müssen. Ein nordamerikanischer Hausgimpel, der während der Mauser carotinoidreiche Nahrung findet, wird röter, und Weibchen bevorzugen röter gefärbte Männchen. Auch das Gelb der Kohlmeise hängt von carotinoidreichen Raupen ab.