Wie weit fliegen Zugvögel?
Wie weit fliegen Zugvögel? Von wenigen Kilometern bis über 70.000 km im Jahr bei der Küstenseeschwalbe. Strecken, Nonstop-Rekorde und wie Vögel das schaffen.

In diesem Artikel
- Kurz und knapp: wie weit Zugvögel fliegen
- Welche Zugtypen gibt es nach Entfernung?
- Wie weit fliegen unsere Gartenvögel?
- Wie weit fliegen Singvögel?
- Welche Vögel fliegen am weitesten?
- Wie weit ziehen Vögel in Europa, Asien und Amerika?
- Wie weit fliegen Vögel an einem Tag oder in einer Nacht?
- Wie tanken Vögel Energie für so lange Reisen?
- Wie hoch und wie schnell ziehen Vögel?
- Warum ziehen manche Vögel viel weiter als andere?
- Wie messen Forschende die Zugentfernung?
- Mythen und Fakten zur Zugentfernung
- Was das für Vogelfreunde im Garten bedeutet
- Fazit
- Quellen
- Häufige Fragen
Zugvögel fliegen zwischen wenigen Kilometern und mehr als 70.000 Kilometern im Jahr. Manche Bergvögel wechseln im Winter nur ins Tal, viele heimische Gartenvögel legen einige Hundert bis einige Tausend Kilometer zurück, und einige extreme Langstreckenzieher wie die Küstenseeschwalbe fliegen jedes Jahr eine Strecke, die mehr als anderthalb Erdumrundungen entspricht.
Die Spanne ist so groß, weil “Vogelzug” sehr unterschiedliche Strategien umfasst. Dieser Ratgeber erklärt die wichtigsten Kategorien nach Entfernung, die Rekordhalter, wie weit Vögel in einem Flugabschnitt kommen und wie sie das überhaupt schaffen, mit Beispielen aus Mitteleuropa, Afrika, Asien, Amerika und Australien.
Kurz und knapp: wie weit Zugvögel fliegen
- Am kürzesten: Höhenwanderer ziehen oft nur wenige Kilometer bergauf oder bergab.
- Kurzstrecke: Viele heimische Arten ziehen einige Hundert Kilometer, etwa nach Frankreich, Spanien oder in den Mittelmeerraum.
- Mittel- und Langstrecke: Viele Singvögel legen zwischen Europa und Afrika 3.000 bis 10.000 Kilometer pro Richtung zurück.
- Weitester Jahreszugweg: Küstenseeschwalben fliegen laut einer großen Besenderungsstudie im Mittel rund 71.000 Kilometer pro Jahr.
- Längster Nonstop-Flug: Eine 2022 besenderte Pfuhlschnepfe flog rund 13.500 Kilometer von Alaska Richtung Tasmanien, ohne zu landen.
- Nachtzug: Die meisten Singvögel ziehen nachts.
- Treibstoff: Langstreckenzieher können vor einer großen Überquerung ihr Körpergewicht durch Fett fast verdoppeln.
Welche Zugtypen gibt es nach Entfernung?
Ornithologinnen und Ornithologen teilen Zugvögel oft grob in Kategorien ein. Die Grenzen sind nicht starr, und viele Arten liegen dazwischen, aber die Einteilung hilft, die Zahlen einzuordnen.
| Zugtyp | Typische Entfernung | Beispiele |
|---|---|---|
| Höhenwanderer | Wenige Kilometer, vor allem senkrecht | Mauerläufer, Alpenbraunelle, Bergpieper; viele Vögel im Himalaya und in den Anden |
| Kurzstreckenzieher | Einige Dutzend bis einige Hundert Kilometer | Rotkehlchen und Amsel (Teil der Population), Hausrotschwanz, Feldlerche |
| Mittelstreckenzieher | Einige Hundert bis etwa 2.500 Kilometer | Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Kranich, viele Enten und Gänse |
| Langstreckenzieher | 2.500 bis über 10.000 Kilometer pro Richtung | Rauchschwalbe, Kuckuck, Weißstorch, Steinschmätzer, Gartenrotschwanz |
| Extremzieher | 15.000 bis über 80.000 Kilometer im Jahr | Küstenseeschwalbe, Dunkler Sturmtaucher, Pfuhlschnepfe |
| Invasionsvögel und Nomaden | Unregelmäßig, oft Hunderte Kilometer | Fichtenkreuzschnabel, Birkenzeisig, Seidenschwanz, Tannenhäher |
Wie weit fliegen unsere Gartenvögel?
Viele Vögel am Futterhaus ziehen weniger weit, als man denkt, und manche überhaupt nicht.
Standvögel, die kaum wegziehen. Kohlmeise, Blaumeise, Kleiber, Haussperling und die meisten Spechte bleiben in Mitteleuropa das ganze Jahr in der Nähe ihres Reviers. Sie sind das Rückgrat der Winterfütterung. Im Winter können zwar Artgenossen aus dem Norden und Osten dazukommen, die meisten Brutvögel bleiben aber in der Gegend.
Teilzieher. Amsel, Rotkehlchen, Buchfink und Star zeigen, wie kompliziert das sein kann. Ein Teil der Vögel bleibt, ein anderer zieht nach Südwesteuropa. Beim Buchfink ziehen traditionell mehr Weibchen als Männchen weg, was ihm den wissenschaftlichen Namen coelebs, “Junggeselle”, eingetragen hat. Das Rotkehlchen, das im Januar im Garten singt, ist nicht unbedingt dasselbe, das im Sommer dort gebrütet hat: Oft sind es Wintergäste aus Skandinavien oder Osteuropa, während heimische Vögel nach Frankreich oder Spanien gezogen sind.
Mittelstreckenzieher. Zilpzalp und Mönchsgrasmücke überwintern überwiegend im Mittelmeerraum, von Südfrankreich über die Iberische Halbinsel bis Nordafrika, also typischerweise 1.000 bis 2.500 Kilometer von uns entfernt. Bei der Mönchsgrasmücke haben Forschende der Vogelwarte Radolfzell gezeigt, dass ein Teil der mitteleuropäischen Vögel seit einigen Jahrzehnten nach Nordwesten zieht und in Großbritannien und Irland überwintert, ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie schnell sich Zugrichtungen verändern können.
Echte Langstreckenzieher. Rauchschwalbe, Mehlschwalbe, Mauersegler, Kuckuck, Pirol und Gartenrotschwanz verbringen den Winter südlich der Sahara. Für einen Vogel von 15 bis 25 Gramm ist das eine enorme Leistung.

Wie weit fliegen Singvögel?
Singvögel, die in Europa brüten und in Afrika überwintern, legen oft 4.000 bis 10.000 Kilometer pro Richtung zurück. Viele müssen dabei das Mittelmeer und die Sahara überqueren, eine Barriere von zusammen oft mehr als 2.000 Kilometern ohne verlässliche Nahrung.
Die Rauchschwalbe ist ein gutes Beispiel. Schwalben aus Mitteleuropa überwintern in weiten Teilen Afrikas südlich der Sahara, Beringungsfunde zeigen, dass Vögel aus Europa bis nach Südafrika ziehen. Das bedeutet für einige Tiere rund 10.000 Kilometer pro Strecke.
Noch eindrucksvoller ist der Steinschmätzer, ein kleiner, drosselähnlicher Vogel, der auch in Deutschland brütet, wenn auch selten geworden. Die Art hat einen der längsten bekannten Zugwege aller Singvögel: Brutvögel aus Alaska überwintern in Ostafrika und durchqueren dafür ganz Asien, während Vögel aus Ostkanada und Grönland den Nordatlantik überfliegen, um Westafrika zu erreichen. Besenderungen zeigten bei Vögeln aus Alaska rund 14.500 Kilometer pro Richtung.
Auf der anderen Seite des Atlantiks legt der Streifenwaldsänger, ein kleiner Singvogel Nordamerikas, im Herbst eine Nonstop-Strecke von rund 2.250 bis 2.750 Kilometern über den Atlantik bis in die Karibik und nach Südamerika zurück. Eine Studie mit winzigen Geolokatoren bestätigte 2015, dass diese Flüge etwa zwei bis drei Tage dauern. Für einen Vogel von gut 12 Gramm ist das außergewöhnlich.
Welche Vögel fliegen am weitesten?
Der Klub der Extremzieher besteht vor allem aus See- und Watvögeln. Sie können auf dem Meer Nahrung finden oder in reichen Feuchtgebieten auftanken und die Winde über offenem Ozean nutzen. Die Rekordhalter stellen wir ausführlich im Ratgeber welcher Vogel am weitesten zieht vor, hier die wichtigsten Zahlen.
Küstenseeschwalbe
Küstenseeschwalben brüten rund um die Arktis und in der Subarktis, in kleiner Zahl auch an der deutschen Nord- und Ostseeküste, und verbringen den Nordwinter im Südpolarmeer nahe der Antarktis. In einer 2010 veröffentlichten Studie statteten Forschende Brutvögel aus Grönland und Island mit winzigen Geolokatoren aus und ermittelten im Mittel rund 71.000 Kilometer pro Jahr. Die Vögel flogen keine geraden Linien, sondern S-förmige Routen, die offenbar die vorherrschenden Winde ausnutzen. Eine spätere Studie an Küstenseeschwalben aus den Niederlanden, also ganz in unserer Nähe, kam sogar auf rund 90.000 Kilometer im Jahr.
Dunkler Sturmtaucher
Dunkle Sturmtaucher brüten auf Inseln um Neuseeland und Südamerika und verbringen den Südwinter im Nordpazifik oder Nordatlantik. Eine Besenderungsstudie aus dem Jahr 2006 an Vögeln aus Neuseeland zeigte eine riesige Achterschleife durch den Pazifik, insgesamt rund 64.000 Kilometer im Jahr.
Pfuhlschnepfe
Pfuhlschnepfen der in Alaska brütenden Unterart schaffen die längsten bekannten Nonstop-Flüge aller Vögel. Im Herbst fliegen sie direkt über den Pazifik nach Neuseeland und Ostaustralien. 2022 wurde ein junger, mit Satellitensender versehener Vogel verfolgt, der rund 13.500 Kilometer von Alaska bis Tasmanien in etwa 11 Tagen ohne Pause zurücklegte. Der Heimzug im Frühjahr ist insgesamt länger, weil er einen Zwischenstopp am Gelben Meer in Ostasien einschließt.
Auch bei uns ist die Pfuhlschnepfe ein bekannter Zugvogel. Vögel anderer Populationen, die in Nordskandinavien und Sibirien brüten, nutzen das Wattenmeer an der Nordsee als eines ihrer wichtigsten Rast- und Überwinterungsgebiete. Wer im Frühjahr oder Spätsommer an der Küste steht, sieht oft Tausende von ihnen.

Wie weit ziehen Vögel in Europa, Asien und Amerika?
Vogelzug ist ein weltweites Phänomen und folgt großen Korridoren, die man Zugwege oder Flyways nennt.
Afrika und Eurasien. Jedes Jahr ziehen Milliarden Vögel zwischen Europa, Westasien und Afrika. Viele müssen Mittelmeer und Sahara überqueren. Segelflieger wie Weißstörche, Greifvögel und viele Adler meiden das offene Meer und bündeln sich an schmalen Meerengen, vor allem an der Straße von Gibraltar im Westen und am Bosporus in der Türkei im Osten. Beim Weißstorch ist das besonders gut untersucht: “Westzieher”, vor allem aus Westdeutschland, ziehen über Frankreich und Spanien nach Westafrika, “Ostzieher” aus Ostdeutschland und Osteuropa über den Bosporus, Israel und das Niltal bis nach Ost- und Südafrika, teils rund 10.000 Kilometer pro Richtung. Viele Westzieher überwintern inzwischen allerdings schon in Spanien.
Der Kranich, für viele der Inbegriff des Vogelzugs in Deutschland, ist dagegen ein Mittelstreckenzieher. Die meisten Kraniche, die im Herbst an Rastplätzen wie in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg Station machen, überwintern in Frankreich, Spanien und teils in Nordafrika.
Der Kuckuck wurde von Forschenden in Großbritannien und anderen europäischen Ländern besendert und zog bis ins zentrale Afrika, einige Tausend Kilometer pro Richtung, auf je nach Vogel recht unterschiedlichen Routen.
Der Mauersegler verdient eine besondere Erwähnung. Nach der Brutzeit in Europa verbringt er die übrige Zeit des Jahres über Afrika. Eine Studie mit Datenloggern ergab 2016, dass einige Mauersegler rund zehn Monate am Stück in der Luft blieben und dabei fraßen und offenbar auch im Flug schliefen. Über ein ganzes Leben ist die Gesamtstrecke eines Mauerseglers enorm, auch wenn seine eigentliche Zugroute nicht die längste ist.
Ostasien und Australasien. Watvögel aus Sibirien und Alaska ziehen nach Südostasien, Australien und Neuseeland und sind dabei stark auf die Wattflächen am Gelben Meer angewiesen. Der Verlust dieser Flächen ist ein großes Naturschutzproblem für Arten wie Pfuhlschnepfe und Isabellbrachvogel.
Amerika. Viele nordamerikanische Brutvögel überwintern in Südamerika, und manche südamerikanische Vögel ziehen innerhalb des Kontinents von Patagonien in Richtung Tropen. Brasilien beherbergt große Zahlen überwinternder Watvögel und Schwalben aus Nordamerika sowie eigene innerkontinentale Zieher.
Wie weit fliegen Vögel an einem Tag oder in einer Nacht?
Die gesamte Zugstrecke ist nur ein Teil des Bildes. Wie weit ein Vogel in einem Abschnitt kommt, hängt von seiner Strategie ab.
Singvögel ziehen meist nachts, oft mehrere Stunden lang, landen im Morgengrauen und fressen tagsüber. Ein Nachtflug kann einige Hundert Kilometer umfassen. Danach verbringen sie einen oder mehrere Tage an einem Rastplatz, um Fettreserven aufzufüllen. Wegen dieser Pausen ist der Gesamtfortschritt viel langsamer, als die reine Fluggeschwindigkeit vermuten lässt. Radarstudien, etwa der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, zeigen, wie in klaren Herbstnächten große Wellen von Zugvögeln über Mitteleuropa hinwegziehen.
Segelflieger wie Störche, Bussarde, Adler und Geier ziehen am Tag. Sie lassen sich in aufsteigender Warmluft, der Thermik, nach oben tragen und gleiten dann zum nächsten Aufwind, fast ohne Flügelschlag. Deshalb folgen sie gern Küsten und Gebirgszügen und meiden lange Überquerungen von Wasser. Der Weißstorch kommt so auf Tagesetappen von oft 200 bis 300 Kilometern, bei gutem Wetter mehr.
Wasservögel fliegen oft in langen Etappen bei Tag oder Nacht, manchmal in den bekannten Formationen, die wir im Ratgeber warum Vögel in V-Formation fliegen erklären. Kraniche und Gänse ziehen ebenfalls oft in Keilen.
Nonstop-Spezialisten wie Pfuhlschnepfen, manche Sturmtaucher und der Streifenwaldsänger über dem Atlantik fliegen tagelang ohne Unterbrechung. Pfuhlschnepfen über dem Pazifik schaffen mehr als 1.000 Kilometer pro Tag, über eine Woche lang.

Wie tanken Vögel Energie für so lange Reisen?
Tausende Kilometer zu fliegen kostet Energie, und Vögel tragen sie als Fett mit sich, den energiereichsten Brennstoff, den es gibt.
- Hyperphagie. Vor dem Zug fressen viele Vögel auffallend viel. Manche Singvögel nehmen schnell zu und lagern Fett unter der Haut und um die Organe ein.
- Fast doppeltes Körpergewicht. Langstreckenzieher mit langen Nonstop-Etappen wie Pfuhlschnepfe oder Streifenwaldsänger können ihr Gewicht vor dem Abflug fast verdoppeln. Auch Gartengrasmücken und andere Grasmücken, die die Sahara überqueren, legen vorher kräftig zu.
- Schrumpfende Organe. Untersuchungen an Pfuhlschnepfen zeigten, dass ihre Verdauungsorgane vor der Pazifiküberquerung schrumpfen. So müssen sie weniger Gewicht tragen. Nach der Ankunft wachsen die Organe wieder.
- Fett und Muskeln verbrennen. Im Flug verbrennen Vögel vor allem Fett, dazu etwas Eiweiß.
- Auftanken an Rastplätzen. Viele Zugvögel sind auf gute Lebensräume unterwegs angewiesen, von Küstenfeuchtgebieten wie dem Wattenmeer bis zu Gärten mit insektenreichen Sträuchern und Beeren.
Auch der Wasserhaushalt spielt eine Rolle. Vögel verlieren beim Atmen Wasser, und das Fliegen in kühleren Höhen verringert diesen Verlust. Ihre besonders effiziente Lunge mit Durchstromprinzip ermöglicht ausdauernden Flug auch in großer Höhe.
Wie hoch und wie schnell ziehen Vögel?
Höhe. Radarstudien zeigen, dass der nächtliche Singvogelzug überwiegend in einigen Hundert bis wenigen Tausend Metern Höhe stattfindet, meist unter etwa 3.000 Metern, wobei die Vögel die Höhe mit dem günstigsten Wind wählen. Manche Arten fliegen deutlich höher. Streifengänse überqueren den Himalaya, und bei Singvögeln über der Sahara wurden tagsüber Flughöhen von mehr als 5.000 Metern gemessen, offenbar um Hitze zu meiden und günstige Winde zu nutzen.
Geschwindigkeit. Viele kleine Singvögel fliegen bei Windstille mit etwa 30 bis 50 Kilometern pro Stunde, Watvögel und Enten meist schneller. Rückenwind kann viel ausmachen: Zugvögel wählen ihren Abflug oft so, dass sie auf der Rückseite einer Wetterfront mit dem Wind fliegen.
Warum ziehen manche Vögel viel weiter als andere?
Die Entfernung ist ein Kompromiss zwischen Kosten und Nutzen.
- Nahrung. Insektenfresser wie Schwalben, Mauersegler und Laubsänger finden bei uns im Winter nicht genug Nahrung und müssen weit nach Süden. Körnerfresser und Vögel, die ihre Nahrung umstellen können, etwa Meisen, bleiben oft da.
- Brutchancen. Lange Sommertage und die Insektenfülle im hohen Norden bieten eine reiche Saison für die Jungenaufzucht.
- Konkurrenz. Weniger dicht besiedelte Brutgebiete bedeuten weniger Konkurrenz um Nahrung und Nistplätze.
- Stammesgeschichte. Zugrouten spiegeln oft wider, wie sich eine Art früher ausgebreitet hat. Steinschmätzer aus Alaska kehren noch immer nach Afrika zurück und folgen damit dem Weg der Ausbreitung ihrer Vorfahren, statt in Amerika zu überwintern.
- Bocksprungzug. Bei manchen Arten überwintern die nördlichsten Brutpopulationen am weitesten südlich und “überspringen” Populationen, die dazwischen sesshaft bleiben. Beim Sandregenpfeifer und bei einigen anderen Watvögeln wird dieses Muster häufig beschrieben.
Wie messen Forschende die Zugentfernung?
Unser Wissen hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert.
- Beringung. Nummerierte Ringe am Bein, die später wieder abgelesen werden, liefern seit über hundert Jahren Daten. In Deutschland koordinieren die Beringungszentralen der Vogelwarten Helgoland, Radolfzell und Hiddensee diese Arbeit. Ringfunde zeigen Start- und Zielpunkt, aber nicht die Route.
- Radar. Wetter- und Vogelradare erfassen nachts große Zugwellen und zeigen, wann und wo Zug stattfindet.
- Geolokatoren. Winzige Lichtlogger zeichnen Tageslänge und Zeitpunkt von Sonnenauf- und -untergang auf, woraus sich der Aufenthaltsort schätzen lässt. Die Geräte müssen allerdings wieder eingefangen werden, um die Daten auszulesen.
- Satelliten- und GPS-Sender. Größere Vögel können Sender tragen, die ihre Position in Echtzeit übermitteln. So wurden die Flüge der Pfuhlschnepfen und vieler Weißstörche verfolgt.
- Automatische Radiotelemetrie. Netzwerke wie das Motus Wildlife Tracking System nutzen Empfangsstationen, die winzige Funksender an kleinen Vögeln, Fledermäusen und Insekten beim Vorbeiflug erfassen. Einen satellitengestützten Ansatz verfolgt das Projekt ICARUS, an dem das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie beteiligt ist.
Viele dieser Studien zeigen auch, wie Vögel navigieren. Das erklären wir im Beitrag woher Zugvögel wissen, wohin sie fliegen.

Mythen und Fakten zur Zugentfernung
Mythos: Vögel fliegen in einem Stück nach Süden. Fakt: Die meisten Singvögel ziehen in Etappen, fliegen nachts und rasten tagelang, um aufzutanken.
Mythos: Kleine Vögel reisen auf dem Rücken von Störchen oder Kranichen mit. Fakt: Dafür gibt es keinerlei Belege. Auch kleine Zugvögel fliegen aus eigener Kraft.
Mythos: Alle Vögel einer Art ziehen gleich weit. Fakt: Die Entfernung unterscheidet sich oft nach Population, Alter und Geschlecht. Manche Individuen ziehen, andere bleiben, wie beim Buchfink.
Mythos: Wer im Herbst füttert, hält Vögel vom Zug ab. Fakt: Der Zug wird vor allem durch die Tageslänge und innere Rhythmen ausgelöst, nicht durch das Futterangebot im Garten.
Was das für Vogelfreunde im Garten bedeutet
- Futter und Wasser auch im Frühjahr und Herbst anbieten. Durchziehende Vögel nutzen Gärten, um zwischen zwei Flügen aufzutanken, besonders Wasserstellen.
- Heimische Sträucher und Bäume pflanzen. Insektenreiche heimische Gehölze wie Holunder, Weißdorn, Schlehe oder Eberesche und ihre Herbstfrüchte helfen Rastvögeln weit mehr als ein kurzer Rasen.
- Auf das Wetter achten. Starke Zugnächte folgen im Herbst oft auf den Durchzug einer Kaltfront mit nördlichen Winden, im Frühjahr auf warme Südwinde.
- Unnötige Außenbeleuchtung ausschalten. Nachtzieher können durch künstliches Licht die Orientierung verlieren, besonders in Städten.
- Beobachtungen melden. Wer Beobachtungen bei ornitho.de oder eBird einträgt, liefert Daten, mit denen Forschende Zugzeiten und Strecken verfolgen. Unser eBird-Ratgeber zeigt, wie das geht.
Fazit
Vögel ziehen zwischen wenigen Kilometern und mehr als 70.000 Kilometern im Jahr. Die meisten Gartenvögel legen vergleichsweise bescheidene Strecken zurück, viele Singvögel fliegen einige Tausend Kilometer pro Richtung bis nach Afrika, und eine Handvoll See- und Watvögel verschiebt die Grenzen des scheinbar Möglichen, indem sie ganze Ozeane ohne Landung überquert. Moderne Besenderungstechnik deckt immer wieder längere Reisen auf, als man erwartet hätte. Die heutigen Rekorde werden also vielleicht nicht lange Bestand haben.
Quellen
- NABU, Naturschutzbund Deutschland
- Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA)
- Cornell Lab of Ornithology, All About Birds: Blackpoll Warbler
- Egevang et al. 2010, Tracking of Arctic Terns reveals longest animal migration, PNAS
- Shaffer et al. 2006, Migratory shearwaters integrate oceanic resources across the Pacific Ocean, PNAS
- Schweizerische Vogelwarte Sempach
Häufige Fragen
Wie weit fliegen Zugvögel im Durchschnitt?
Einen sinnvollen Durchschnitt gibt es nicht, weil die Strecken von wenigen Kilometern bis zu Zehntausenden Kilometern reichen. Viele vertraute Gartenvögel wie Zilpzalp oder Hausrotschwanz sind Kurz- oder Mittelstreckenzieher, die einige Hundert bis gut 2.000 Kilometer zurücklegen. Langstreckenzieher wie Rauchschwalbe oder Kuckuck fliegen bis ins tropische oder südliche Afrika, also oft 5.000 bis 10.000 Kilometer pro Richtung.
Welcher Vogel fliegt am weitesten?
Die Küstenseeschwalbe gilt als Rekordhalter beim jährlichen Zugweg. Besenderte Vögel aus Grönland und Island legten im Mittel rund 71.000 Kilometer im Jahr zurück, Brutvögel aus den Niederlanden in einer späteren Studie sogar rund 90.000 Kilometer. Den Rekord für den längsten bekannten Nonstop-Flug hält die Pfuhlschnepfe mit über 13.000 Kilometern ohne Landung.
Wie weit fliegt ein Zugvogel an einem Tag?
Das hängt von der Art ab. Viele kleine Singvögel fliegen in einer Nacht einige Hundert Kilometer und rasten dann einen oder mehrere Tage, um Fett aufzufüllen, sodass ihr Tagesschnitt deutlich niedriger liegt. Watvögel, die nonstop über Ozeane fliegen, schaffen über eine Woche hinweg mehr als 1.000 Kilometer pro Tag, ohne ein einziges Mal zu landen.
Wie weit ziehen Kolibris?
Wilde Kolibris leben nur in Nord-, Mittel- und Südamerika. Viele Rubinkehlkolibris ziehen aus dem Osten Nordamerikas nach Mexiko und Mittelamerika, und viele überqueren dabei vermutlich den Golf von Mexiko nonstop, rund 800 Kilometer. Der Rotrückenkolibri zieht teils von Alaska bis Mexiko. In Europa sieht man keine Kolibris; der ähnlich schwirrende Falter ist meist ein Taubenschwänzchen.
Ziehen alle Vögel im Winter weg?
Nein. Viele Arten sind Standvögel, in Mitteleuropa etwa Kohlmeise, Blaumeise, Haussperling und die meisten Spechte. Andere sind Teilzieher: Ein Teil der Population zieht, ein anderer bleibt, wie bei Amsel, Rotkehlchen und Buchfink. Arten wie Fichtenkreuzschnabel, Seidenschwanz oder Birkenzeisig wandern unregelmäßig, je nachdem, wie viel Nahrung es gibt.
Wie hoch fliegen Zugvögel?
Die meisten ziehenden Singvögel fliegen in einigen Hundert bis wenigen Tausend Metern Höhe, oft unter etwa 3.000 Metern, und wählen die Höhe mit dem günstigsten Wind. Manche Arten fliegen viel höher. Streifengänse überqueren den Himalaya, und bei einigen Zugvögeln wurden über der Sahara zeitweise Flughöhen von mehr als 5.000 Metern gemessen.