Wie schlau sind Krähen? Was die Forschung wirklich zeigt

Wie schlau sind Krähen? Sehr: Sie bauen Werkzeuge, merken sich Gesichter jahrelang und planen voraus, in manchen Tests auf dem Niveau von Menschenaffen.

Eine Rabenkrähe steht auf einem hölzernen Zaunpfosten, den Kopf leicht schräg gelegt, und blickt in Richtung Kamera (KI-Illustration)
KI-generierte Illustration, kein Foto
In diesem Artikel
  1. Kurz beantwortet: was Krähen so schlau macht
  2. Welche Vögel zählen zu den Krähen?
  3. Was können Krähen, das echte Intelligenz zeigt?
  4. Sind Papageien schlauer als Krähen?
  5. Wie kann ein kleines Vogelgehirn so schlau sein?
  6. Warum sind Krähen so schlau geworden?
  7. Wie prüfen Forschende, ob ein Vogel schlau ist?
  8. Mythen und Fakten zur Intelligenz von Krähen
  9. Was bedeutet die Intelligenz der Krähen für Vogelfreunde im Garten?
  10. Kurze Fakten
  11. Quellen
  12. Häufige Fragen

Wie schlau sind Krähen? Wirklich sehr schlau. Krähen und ihre Verwandten, die rund 130 Arten der Rabenvögel, stellen Werkzeuge her und verändern sie, erkennen einzelne menschliche Gesichter über Jahre wieder, planen für künftige Bedürfnisse, merken sich Tausende versteckte Futterstücke und lernen voneinander. In mehreren gängigen Tests zu Schlussfolgern und Planen schneiden die am besten untersuchten Rabenvögel ungefähr so gut ab wie Schimpansen und andere Menschenaffen.

„Spatzenhirn“ war lange ein Schimpfwort. Die Forschung an Rabenvögeln der letzten Jahrzehnte hat daraus fast ein Kompliment gemacht. Dieser Ratgeber erklärt, was die Belege tatsächlich zeigen, wie ein kleines Vogelgehirn solche Leistungen schafft, wo populäre Geschichten über die Wissenschaft hinausgehen und was die Intelligenz der Krähen für alle bedeutet, die im Garten Vögel füttern.

Kurz beantwortet: was Krähen so schlau macht

  • Werkzeuggebrauch und Werkzeugbau. Geradschnabelkrähen in Neukaledonien biegen in freier Natur Haken aus Zweigen und schneiden Werkzeuge aus Blättern.
  • Gesichtserkennung und Groll. Krähen merken sich Menschen, die sie bedroht haben, und bringen anderen Krähen bei, diese Menschen zu beschimpfen.
  • Planung. Kolkraben und Buschhäher bereiten sich in Experimenten auf künftige Ereignisse vor, nicht nur auf die unmittelbare Belohnung.
  • Gedächtnis. Rabenvögel, die Futter verstecken, legen Tausende Vorräte an und wissen, wo sie liegen, was es ist und ungefähr, wann sie es versteckt haben.
  • Soziales Lernen. Krähen lernen über Gefahren, Futter und Menschen, indem sie einander beobachten.
  • Dicht gepackte Gehirne. Das Vorderhirn von Rabenvögeln enthält Nervenzellen in sehr hoher Dichte.

Welche Vögel zählen zu den Krähen?

Die Familie der Rabenvögel (Corvidae) umfasst weltweit rund 130 Arten. Dazu gehören:

  • Krähen und Raben, etwa die Rabenkrähe, die Nebelkrähe, der Kolkrabe, die Amerikanerkrähe, die Glanzkrähe und der Australische Rabe. Raben- und Nebelkrähe sind eng verwandt; in Deutschland verläuft ungefähr entlang der Elbe eine Übergangszone, in der beide Formen sich mischen.
  • Saatkrähen und Dohlen, die in ganz Europa und Asien verbreitet sind. Saatkrähen brüten in lauten Kolonien, oft mitten in Städten, Dohlen gern in Kirchtürmen, Schornsteinen und Mauernischen.
  • Häher, darunter der Eichelhäher, der in fast jedem Laub- und Mischwald bei uns vorkommt, sowie in Nordamerika Blauhäher, Diademhäher und Buschhäher.
  • Elstern, bei uns die Elster, die längst auch in Wohngebieten und Stadtparks brütet.
  • Tannenhäher, die in den Alpen und Mittelgebirgen Zirbelnüsse und Haselnüsse verstecken.

Wenn ein Eichelhäher oder eine Elster an Ihre Futterstelle kommt, haben Sie also bereits einen Rabenvogel zu Gast.

Was können Krähen, das echte Intelligenz zeigt?

Können Krähen Werkzeuge herstellen?

Der herausragende Werkzeugbauer ist die Geradschnabelkrähe, die auf den Inseln Neukaledoniens im Südpazifik heimisch ist. In freier Natur:

  • entrinden und formen diese Krähen Zweige zu Hakenwerkzeugen, mit denen sie Insektenlarven aus totem Holz ziehen,
  • schneiden sie gestufte, spitz zulaufende Werkzeuge aus den gezähnten Rändern von Schraubenbaumblättern (Pandanus),
  • behalten sie bevorzugte Werkzeuge, tragen sie mit sich und benutzen sie wieder.

In einer Studie in Science aus dem Jahr 2002 berichteten Alex Weir, Jackie Chappell und Alex Kacelnik von der Universität Oxford, dass eine in Gefangenschaft lebende Geradschnabelkrähe namens Betty ein gerades Stück Draht zu einem Haken bog, um damit einen kleinen Eimer mit Futter aus einer Röhre zu ziehen. Das wurde zu einem der bekanntesten Momente der Kognitionsforschung an Tieren. Spätere Freilandarbeiten zeigten, dass das Biegen von Haken aus Pflanzenstängeln zum natürlichen Verhaltensrepertoire der Art gehört. Bettys Leistung war also vielleicht eher der flexible Einsatz einer natürlichen Fähigkeit als eine reine Erfindung. Bemerkenswert bleibt sie trotzdem.

Andere Studien zeigten, dass Geradschnabelkrähen ein Werkzeug benutzen, um an ein zweites zu kommen, was als Metawerkzeuggebrauch bezeichnet wird. In einer Studie von 2018 setzten sie sogar Werkzeuge aus einzelnen Teilen zusammen, um Futter zu erreichen, an das kein Einzelteil herankam.

Für die Hawaiikrähe, die nur dank Nachzucht und Auswilderungsprogrammen überlebt, wurde 2016 ebenfalls nachgewiesen, dass sie mit Stöckchen nach Nahrung stochert. Die meisten anderen Rabenvögel nutzen in freier Natur nicht regelmäßig Werkzeuge, viele lösen aber in Gefangenschaft Werkzeugaufgaben.

Können Krähen Rätsel wie in Äsops Fabel lösen?

In Äsops Fabel wirft eine durstige Krähe Steine in einen Krug, bis das Wasser hoch genug steht. 2009 prüften Christopher Bird und Nathan Emery von der Universität Cambridge das mit Saatkrähen, die in freier Natur keine Werkzeuge verwenden. Die Saatkrähen warfen Steine in eine mit Wasser gefüllte Röhre, bis ein schwimmender Wurm erreichbar war, und wählten dabei größere Steine statt kleinerer. Spätere Studien fanden, dass auch Geradschnabelkrähen und Eichelhäher Varianten dieser Aufgabe lösen können, wenn auch mit Grenzen im Verständnis, welche Gegenstände genau funktionieren und welche nicht.

Merken sich Krähen wirklich menschliche Gesichter?

Ja, und das ist einer der am besten belegten Befunde. Ab Mitte der 2000er-Jahre fingen und beringten John Marzluff und Kollegen an der University of Washington Amerikanerkrähen auf dem Campus und trugen dabei eine bestimmte „gefährliche“ Maske. Später wurden Menschen, die mit derselben Maske über den Campus gingen, von Krähen beschimpft und im Tiefflug bedrängt. Eine andere, neutrale Maske löste kaum eine Reaktion aus.

Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung:

  • Die Erinnerung hielt jahrelang. Die Krähen beschimpften die gefährliche Maske noch viele Jahre nach dem ursprünglichen Fang.
  • Nie gefangene Krähen machten mit. Die Zahl der schimpfenden Krähen wuchs mit der Zeit. Junge und unbeteiligte Krähen hatten das offenbar von anderen gelernt.
  • Es geht um das Gesicht. Mit den Masken ließen sich Kleidung, Gang und andere Merkmale ausschließen, die Krähen reagierten also auf Gesichtszüge.

Bildgebende Untersuchungen derselben Arbeitsgruppe zeigten, dass der Anblick des gefährlichen Gesichts bei Krähen Hirnregionen aktivierte, die mit Angst und Lernen zu tun haben. Wer sich fragt, ob die Vögel im eigenen Garten einen erkennen: Unser Artikel erkennen Vögel die Menschen, die sie füttern fasst die Belege über viele Arten hinweg zusammen.

Können Krähen für die Zukunft planen?

Planen, also jetzt für ein Bedürfnis handeln, das erst später entsteht, galt lange als rein menschliche Fähigkeit. Die Forschung an Rabenvögeln hat das infrage gestellt.

  • Buschhäher und ihre Vorräte. Nicola Clayton und Kollegen in Cambridge zeigten, dass Buschhäher aus Nordamerika sich merken, was sie versteckt haben, wo und ungefähr vor wie langer Zeit. Diese Fähigkeit wird als „episodenähnliches Gedächtnis“ bezeichnet. In einer Studie in Nature von 2001 versteckten Häher, die selbst schon bei anderen gestohlen hatten, ihre Vorräte eher an neuen Stellen, wenn ein anderer Häher ihnen beim Verstecken zugesehen hatte.
  • Kolkraben und künftige Werkzeuge. In einer Studie in Science von 2017 fanden Can Kabadayi und Mathias Osvath von der Universität Lund heraus, dass Kolkraben ein Werkzeug auswählten, das sie erst später zum Öffnen einer Rätselbox brauchten, und eine Wertmarke aufbewahrten, um sie am nächsten Tag gegen eine Belohnung einzutauschen. Dabei schnitten sie vergleichbar mit Menschenaffen in ähnlichen Tests ab.

Können Krähen zählen?

Mehrere Studien sprechen für ausgeprägte Zahlenfähigkeiten. Forschung unter Leitung von Andreas Nieder an der Universität Tübingen mit Rabenkrähen hat im Vorderhirn der Krähen Nervenzellen gefunden, die auf eine bestimmte Anzahl von Objekten reagieren. In einer Studie von 2024 berichtete das Team, dass Krähen trainiert werden konnten, auf ein Signal hin eine vorgegebene Zahl von Rufen abzugeben, von eins bis vier. Das sind Laborergebnisse. Sie zeigen, was Krähen lernen können, nicht unbedingt, was sie in freier Natur tun.

Halten Krähen „Beerdigungen“ ab?

Amerikanerkrähen versammeln sich oft laut rufend um eine tote Krähe, und ähnliche Ansammlungen werden auch bei Rabenkrähen und Elstern beschrieben. Eine 2015 veröffentlichte Studie von Kaeli Swift und John Marzluff ergab, dass Krähen, die eine tote Krähe gesehen hatten, besonders wenn ein Mensch in der Nähe stand, diesen Menschen später beschimpften und den Ort vorsichtiger mieden. Die Forschenden deuteten das als Lernen über Gefahr, nicht als Trauer. Das Wort „Beerdigung“ ist eingängig, aber irreführend. Zur größeren Frage nach Gefühlen lesen Sie unseren Artikel trauern Vögel.

Spielen Krähen?

Viele Rabenvögel scheinen zu spielen: Sie rutschen verschneite Dächer hinunter, lassen Gegenstände im Flug fallen und fangen sie wieder auf oder necken andere Tiere. Spiel lässt sich schwer streng wissenschaftlich untersuchen, es wird aber oft mit intelligenten, langlebigen Tieren in Verbindung gebracht. Unser Ratgeber spielen Vögel sieht sich die Belege an.

Kennen sich Krähen als Individuen?

Die Belege sprechen dafür. Rabenvögel leben in Gemeinschaften, in denen es sich lohnt zu wissen, wer wer ist: Familienmitglieder, Partner, Nachbarn und Rivalen. Studien an Kolkraben in Österreich ergaben, dass die Vögel auf abgespielte Rufe früherer Gruppenmitglieder anders reagierten als auf die Rufe fremder Raben, selbst nach Jahren der Trennung. Sie reagierten außerdem anders auf Rufe, die nicht zur erwarteten Rangordnung passten. Verpaarte Rabenvögel wie Saatkrähen und Dohlen unterstützen ihre Partner bei Streitigkeiten und scheinen die Beziehungen anderer im Blick zu behalten.

Dieses soziale Wissen hängt mit einer größeren Idee zusammen, der Hypothese der sozialen Intelligenz: Tiere, die in komplexen, wechselnden Gruppen leben, brauchen leistungsfähige Gehirne, um Verbündete und Konkurrenten im Blick zu behalten. Rabenvögel passen in dieses Muster, ebenso Primaten, Delfine und Papageien.

Verstehen Krähen, was andere Krähen wissen?

Das ist schwieriger zu prüfen, und Fachleute sind sich über die Deutung der Ergebnisse nicht einig. Die Studien zum Umverstecken bei Buschhähern legen nahe, dass Häher berücksichtigen, ob ein anderer Vogel sie beim Verstecken gesehen hat. Experimente mit Kolkraben ergaben, dass sie ihre Verstecke stärker schützten, wenn sie hinter einer Trennwand mit offenem Guckloch einen Konkurrenten hören konnten. Manche Forschende sehen darin ein grundlegendes Verständnis dafür, was andere sehen können. Ob das einer „Theory of Mind“ im menschlichen Sinn entspricht, ist weiterhin umstritten. Am sichersten ist die Aussage, dass Rabenvögel sehr genau darauf achten, was andere sehen und wissen, ohne zu behaupten, sie dächten über fremde Gedanken nach wie ein erwachsener Mensch.

Sind Papageien schlauer als Krähen?

Sie sind enge Konkurrenten. Papageien wie der Graupapagei und der Kea aus Neuseeland zeigen viele der gleichen Fähigkeiten: Problemlösen, bei einigen Arten Werkzeuggebrauch, Lautlernen und ein langes Gedächtnis. Beide Gruppen haben dicht gepackte Neuronen im Vorderhirn. Wer „schlauer“ ist, hängt von der Aufgabe ab. Am besten betrachtet man beide Gruppen als getrennte Experimente der Evolution in Sachen Vogelintelligenz, die zu ähnlichen Ergebnissen geführt haben.

Wie kann ein kleines Vogelgehirn so schlau sein?

Haben Krähen große Gehirne?

Im Verhältnis zur Körpergröße sind die Gehirne von Rabenvögeln groß, vergleichbar mit manchen Primaten. Die Größe allein erklärt die Leistung aber nicht. Das Gehirn einer Krähe wiegt nur einen kleinen Bruchteil eines Schimpansengehirns.

Haben Vogelgehirne mehr Neuronen als gedacht?

Ja. Eine Studie in PNAS von 2016 unter Leitung von Seweryn Olkowicz und Suzana Herculano-Houzel zählte die Nervenzellen in den Gehirnen vieler Vogelarten. Sie fand, dass Singvögel und Papageien ihre Neuronen viel dichter packen als Säugetiere. Rabenvögel und Papageien mit großen Gehirnen hatten im Vorderhirn ähnlich viele Neuronen wie manche Affen, obwohl ihre Gehirne weit kleiner sind. Mehr Neuronen auf engem Raum bedeuten auch kürzere Wege zwischen ihnen, was die Verarbeitung beschleunigen könnte.

Haben Vögel so etwas wie eine Großhirnrinde?

Das Vorderhirn der Vögel sieht ganz anders aus als die geschichtete Großhirnrinde der Säugetiere. Das ist ein Grund, warum die Wissenschaft es lange unterschätzt hat. Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat gezeigt, dass Teile des Vogel-Palliums funktionell der Großhirnrinde der Säugetiere ähneln. Besonders eine Region namens Nidopallium caudolaterale scheint eine ähnliche Rolle zu spielen wie der präfrontale Cortex der Säugetiere und ist an Entscheidungen, Arbeitsgedächtnis und flexiblem Verhalten beteiligt. Wichtige Beiträge dazu kamen übrigens aus Deutschland, etwa aus der Arbeitsgruppe von Onur Güntürkün an der Ruhr-Universität Bochum. Krähen und Primaten haben ähnliche geistige Fähigkeiten mit unterschiedlich aufgebauten Gehirnen erreicht, ein Beispiel für konvergente Evolution.

Warum sind Krähen so schlau geworden?

Fachleute haben mehrere Gründe vorgeschlagen, und vermutlich wirken sie zusammen.

  1. Vielseitige Ernährung. Rabenvögel sind Generalisten und fressen Samen, Früchte, Insekten, Eier, Aas und menschliche Abfälle. Wer so viele Nahrungsquellen nutzt, profitiert von flexiblem Problemlösen.
  2. Vorratshaltung. Futter verstecken und wiederfinden erfordert Gedächtnis, und der Schutz der Verstecke vor Dieben könnte das Verständnis dafür fördern, was andere wissen. Eichelhäher verstecken im Herbst Tausende Eicheln und tragen damit nebenbei zur Ausbreitung von Eichen bei.
  3. Komplexes Sozialleben. Viele Rabenvögel leben in Familien oder Gruppen, gehen langjährige Paarbindungen ein und merken sich Beziehungen. Bei Amerikanerkrähen helfen ältere Nachkommen oft bei der Aufzucht jüngerer Geschwister, und auch von Rabenkrähen sind solche Helfer am Nest aus einigen Regionen bekannt.
  4. Langes Leben und langsame Entwicklung. Rabenvögel werden viele Jahre alt und bleiben lange Jungvögel, was Zeit zum Lernen verschafft.

Wie prüfen Forschende, ob ein Vogel schlau ist?

Schlagzeilen über clevere Krähen lassen die Methode oft weg. Deshalb hilft es zu wissen, was ein Ergebnis überzeugend macht.

  1. Kontrollen für einfache Erklärungen. Ein gutes Experiment schließt Lernen durch Versuch und Irrtum, Zufallstreffer und unbewusste Hinweise der Versuchsleitung aus.
  2. Übertragung auf neue Probleme. Ein Vogel, der eine neue Variante einer Aufgabe ohne Training löst, zeigt flexibleres Verständnis als einer, der einen einzelnen Trick gelernt hat.
  3. Stichprobengröße und Wiederholung. Viele Kognitionsstudien testen nur eine Handvoll Vögel. Ergebnisse sind stärker, wenn andere Labore sie wiederholen.
  4. Freiland oder Gefangenschaft. Labortests zeigen, was eine Art lernen kann. Freilandstudien zeigen, was sie tatsächlich tut.

Nach diesen Maßstäben sind die Gesichtserkennung bei Krähen, der Werkzeugbau der Geradschnabelkrähen und das Verstecken bei Buschhähern gut belegt. Manche anderen Behauptungen, etwa das Erkennen des eigenen Spiegelbilds, brauchen noch weitere Bestätigung.

Mythen und Fakten zur Intelligenz von Krähen

BehauptungUrteilErklärung
Krähen merken sich Menschen, die ihnen schaden.StimmtStudien zur Gesichtserkennung zeigen Erinnerungen über Jahre, die sich sozial ausbreiten.
Krähen bringen Menschen, die sie füttern, Geschenke.AnekdotischEs gibt Berichte über Krähen, die Gegenstände hinterlassen, aber keine kontrollierten Studien, die Geschenke belegen.
Krähen nutzen den Straßenverkehr zum Nüsseknacken.Teilweise belegtRabenkrähen in Japan wurden beobachtet, wie sie Nüsse auf Straßen fallen lassen. Dass sie sich nach Ampelphasen richten, ist weniger gut belegt.
Elstern erkennen sich im Spiegel.UngeklärtEine Studie von 2008 berichtete Selbsterkennung im Spiegel bei Elstern, ein späterer Versuch konnte das nicht bestätigen.
Krähen halten aus Trauer Beerdigungen ab.IrreführendAnsammlungen um tote Krähen scheinen dem Lernen über Gefahren zu dienen.
Unter den Vögeln sind nur Krähen schlau.FalschAuch Papageien zeigen außergewöhnliche Intelligenz, und andere Vögel haben spezielle geistige Fähigkeiten.

Die Elsternstudie von 2008 stammt übrigens von Helmut Prior und Kollegen aus Deutschland. Sie hat viel Aufmerksamkeit bekommen, was zeigt, wie wichtig unabhängige Wiederholungen sind.

Was bedeutet die Intelligenz der Krähen für Vogelfreunde im Garten?

Lernen Krähen meinen Tagesablauf?

Sehr wahrscheinlich. Krähen lernen schnell, wann und wo es Futter gibt. Wenn Sie jeden Tag zur gleichen Zeit füttern, werden Krähen, Elstern und Dohlen bald auf Sie warten. Wenn Sie sie fernhalten wollen, wechseln Sie die Zeiten und verwenden Sie Futterspender, die große Vögel ausschließen, etwa Säulenfutterspender mit kurzen Sitzstangen oder Futterhäuser in einem Schutzkäfig. Unser Ratgeber zum Fernhalten von Staren und anderen großen Vögeln beschreibt Bauformen, die auch Krähen bremsen.

Was sollte ich Krähen füttern, wenn überhaupt?

Ungeschälte Erdnüsse und Fettfutter locken Krähen und Häher an. Verzichten Sie auf Brot und auf salzige oder verarbeitete Lebensmittel; unser Ratgeber was man Vögeln nicht füttern sollte erklärt, warum. Rabenvögel legen Vorräte an und tragen deshalb oft mehr weg, als sie fressen. Dieses Verhalten erklärt unser Artikel warum Vögel Futter horten. Wer im Herbst einem Eichelhäher zusieht, wie er Nuss um Nuss abtransportiert und im Rasen oder unter Laub vergräbt, erlebt das Gedächtnis der Rabenvögel sehr direkt.

Sind Krähen eine Gefahr für kleinere Vögel?

Krähen, Elstern und Häher fressen Eier und Nestlinge anderer Vögel, das gehört zu ihrer natürlichen Nahrung. Die Forschung findet aber im Allgemeinen, dass Nesträuberei durch Rabenvögel nicht die Hauptursache für den Rückgang von Singvögeln ist. Dieser hängt stärker mit dem Verlust von Lebensräumen, mit Hauskatzen, mit Glasanflug und in der Agrarlandschaft mit Insektenschwund zusammen. Auch Naturschutzverbände wie der NABU weisen darauf hin, dass Elstern und Krähen nicht für das Verschwinden der Singvögel verantwortlich sind. Dichte Hecken, dornige Sträucher und gut gebaute Nistkästen helfen kleinen Vögeln trotzdem.

Darf ich mit Krähen in Kontakt treten?

Beobachten Sie sie, lernen Sie ihre Rufe und freuen Sie sich an ihnen. Wildlebende Vögel sind in der EU durch die Vogelschutzrichtlinie und in Deutschland durch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt, was das Fangen, Verletzen und Halten einschränkt. Für einige Rabenvögel wie Rabenkrähe und Elster gelten in mehreren Bundesländern zusätzlich jagdrechtliche Regelungen; das betrifft Jagdausübungsberechtigte, nicht Gartenbesitzer. In Österreich und der Schweiz gelten eigene Regeln. Versuchen Sie nicht, wilde Krähen zu zähmen, das führt leicht zu Ärger mit den Nachbarn und ist für die Vögel selten gut.

Kurze Fakten

  • Die Familie der Rabenvögel umfasst rund 130 Arten: Krähen, Raben, Häher, Elstern und Tannenhäher.
  • Geradschnabelkrähen stellen in freier Natur Haken- und Blattwerkzeuge her.
  • Krähen merken sich bedrohliche Gesichter jahrelang und geben dieses Wissen weiter.
  • Kolkraben planten in Experimenten Werkzeuggebrauch und Tauschgeschäfte für den nächsten Tag.
  • Buschhäher wissen, was, wo und ungefähr wann sie Futter versteckt haben.
  • Das Vorderhirn von Rabenvögeln und Papageien enthält so viele Neuronen wie das mancher Affen.
  • „Beerdigungen“ bei Krähen dienen offenbar dem Lernen über Gefahren, nicht der Trauer.
  • Wildlebende Vögel sind in der EU gesetzlich geschützt, für einzelne Rabenvögel gelten regional jagdrechtliche Ausnahmen.

Quellen

Meistgelesen

Häufige Fragen

Sind Krähen schlauer als Hunde?

Intelligenz lässt sich zwischen Arten schwer vergleichen, weil jedes Tier an andere Aufgaben angepasst ist. In mehreren Labortests zu Schlussfolgern, Planen und Werkzeuggebrauch erreichen Krähen und Kolkraben Leistungen, die mit Menschenaffen vergleichbar sind, und damit mehr, als die meisten Hundestudien zeigen. Hunde sind dafür hervorragend darin, menschliche Gesten zu lesen. Fairer ist es, Krähen als außergewöhnliche Problemlöser zu bezeichnen, statt eine Rangliste aufzustellen.

Erkennen Krähen wirklich menschliche Gesichter wieder?

Ja. In Studien unter Leitung von John Marzluff an der University of Washington trugen Forschende beim Fangen von Krähen eine auffällige Maske. Noch Jahre später beschimpften und bedrängten die Krähen Menschen mit genau dieser Maske, während sie eine neutrale Maske kaum beachteten. Auch nie gefangene Krähen machten mit, sie hatten also offenbar von Artgenossen gelernt, welches Gesicht Gefahr bedeutet.

Wie groß ist das Gehirn einer Krähe im Verhältnis zum Körper?

Krähen und Raben haben für ihre Körpergröße große Gehirne, relativ ähnlich groß wie bei manchen Primaten. Wichtiger ist aber: Eine Studie in PNAS aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Singvögel und Papageien ihre Nervenzellen viel dichter packen als Säugetiere mit gleich großem Gehirn. Das Vorderhirn einer Krähe enthält so viele Neuronen wie das mancher Affen, obwohl es viel kleiner ist.

Benutzen Krähen in freier Natur Werkzeuge?

Geradschnabelkrähen von den Inseln Neukaledoniens im Südpazifik stellen in freier Wildbahn regelmäßig Werkzeuge her, etwa Hakenstöcke und aus Blättern geschnittene Sonden. Auch die Hawaiikrähe stochert mit Stöckchen nach Nahrung. Die meisten anderen Krähenvögel nutzen in der Natur selten Werkzeuge, lösen aber in Gefangenschaft Werkzeugaufgaben. Die Grundfähigkeit ist in der Familie also weit verbreitet.

Sollte ich Krähen im Garten füttern?

Das ist möglich, aber denken Sie an die Nachbarn und an andere Vögel. Krähen mögen ungeschälte Erdnüsse, Meisenknödel ohne Netz und Essensreste, und sie lernen Fütterungszeiten sehr schnell. Viele Krähen können Futterstellen dominieren und Nester kleiner Vögel plündern. Bieten Sie nur kleine Mengen an, verzichten Sie auf verarbeitete Lebensmittel und räumen Sie Reste weg, damit keine Ratten angelockt werden.